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Remscheid
Im Schattenreich der Zweisamkeit

Remscheid: Im Schattenreich der Zweisamkeit
Szene aus der Choreographie "Second to Last" der Hubbard-Street-Dance-Compagnie zu der Musik von Avo Pärt. FOTO: Todd Rosenberg
Remscheid. Die Hubbard-Street-Dance-Compagnie zeigte fünf Choreografien im Teo Otto Theater. Ein wundervoller Abend. Von Christian Peiseler

Arbeitslicht auf der Bühne. Ein junger Mann in sportlicher Freizeitkleidung, rotes T-Shirt, graue Hose, steht mit fragendem Blick im leeren Raum und schwingt seinen rechten Arm, leicht und locker, so als würde er sich für einen Moment von ihm abspalten, um zu testen, was dieser Arm so alles kann. Wie beweglich, wie kräftig, wie biegsam, wie schutzbringend er sein kann. Der Arm wird zum Leitmotive dieser Choreografie des berühmten Choreografen William Forsythe. Er hat sie mit dem Ensemble der Hubbard-Street-Dance-Compagnie aus Chicago einstudiert. Eine Eröffnung, ohne Musik, ohne wechselndes Licht.

Forsythe konzentriert sich auf die Ausdruckskraft des Körpers. Nach und nach kommen zwei Frauen und ein weiterer Mann hinzu. Die Arme formatieren den Augenblick. Sie bilden einen festen Halt und eine einsame Stütze. Sie flechten sich um eine Skulptur aus vier schönen Körpern und dienen als zerbrechliches Dach über der Haarpracht einer Frau. Die namenlose Choreographie gewinnt ihren Rhythmus aus den Bewegungen der vier Tänzer, fließend, schwingend, in lockerer Lässigkeit. Das Atmen des Quartetts hört sich manchmal an wie ein Auftakt für die nächste Figur. Diese stille Etüde eröffnet einen wundervollen Abend. Die Besucher im fast ausverkauften Teo Otto Theater hätten die zehnköpfige Compagnie gerne noch länger beklatscht, doch nach zwölf Verbeugungen ging der Eiserne Vorhang runter.

Im behüteten Schattenreich der Zweisamkeit siedelt Haus-Choreograph Alejandro Cerrudo seine Interpretation von Avo Pärts "Alinea" an. Eine Variation für Klavier und Geige auf drei Tönen. Meditativ, erotisch, traumhaft. Fünf Paare, die Männer mit freiem Oberkörper, die Frauen in einem durchsichtigen Hauch an Kleid, tauchen ein in diese Musik, gleiten auf dem unendlichen Strom der Variationen. Sie modulieren im Halblicht Schrittfolgen mit romatischen Pathosgesten. Die Bewegungen speisen sich aus klassischem Ballett und modernem Tanz. Ein kleiner Wackler mit den Füßen, wenn kräftige Arme den Frauenkörper zehn Zentimeter über den Boden kurz anheben, wirken wie ein Zitat aus einer Tanzsprache, die ihren Inhalt verloren hat, aber als Ausdrucksmittel noch funktioniert. "Alinea" darf niemals zu Ende gehen, denkt man zwischendurch. Ein Schleier aus Melancholie bleibt zurück, wenn die Bühne im Dunkel versinkt, und Violine und Klavier verstummen.

Zwei Pausen, fünf Stücke. Ein ausgefeiltes Programm zeigen die Amerikaner. Im zweiten Teil ändert sich die Atmosphäre durch einen neuen Musikstil. Ein Sound aus Beats und elektronischem Flirren bietet den Klang und Kampfraum für die Rivalität zweier Männer um eine Frau. Diese klassische Situation wird feinsinnig erzählt, mit Gesten der Verdrängung, der Verzweiflung, der Isolierung und der Macht. Ist es Traum, ist es Wirklichkeit? Die Grenzen verschwimmen.

Unterm Sternenhimmel tanzt zum Abschluss eine Gruppe von modisch gekleideten Büromenschen. Brahms Sonate für Cello und Klavier gibt die angegraute Sehnsuchtsstimmung vor. Die Menschen kippen formvollendet aus der Reihe, lassen sich willenlos zur Seite schieben. Der Einzelne gegen die Gruppe. Der Pegel an Aggression steigt an und schwillt ab. Die Dynamik des Tanzes ist enorm. Ensembletanz, Soli und Duette im Wechsel. Ab und zu springt ein Tänzer wie in eine Arena ein, rutscht quer über die Bühne, um am Rand den Arm einer Frau zu halten und mit ihr in die Nacht zu tanzen. Zum Schluss schneit es. Die Bewegungen erstarren, die Herzen schlagen kräftig.

Quelle: RP
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