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Remscheid
Integration braucht einen langen Atem

Remscheid: Integration braucht einen langen Atem
Gemeinsam durchstarten - die Integration vor allem türkischer Zuwanderer hat am Honsberg Zeit gebraucht, inzwischen sind Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten fester Bestandteil des Stadtteillebens. FOTO: jko
Remscheid. Ramazan Dalgali kennt die Fehler der Vergangenheit beim Umgang mit eingewanderten Türken am Honsberg. Von Christian Peiseler

Ramazan Dalgali kennt die gute und die schlechte Seite der Integration in Remscheid. Mit 21 Jahren kam er 1971 in die Stadt. Der langjährige Sozialarbeiter der Awo hat miterlebt, wie die Integration der ersten beiden Generationen von Türken in Remscheid und in Deutschland misslungen ist. Heute sieht er, dass die deutsche Gesellschaft sich verändert hat, und die Chancen, dass Flüchtlinge und Ausländer sich dort integrieren, wo sie leben, deutlich verbessert haben. Trotz aller Probleme. Kann man aus diesen Erfahrungen für die anstehende Integration von Flüchtlingen lernen?

"Wenn ich denken soll wie ein Deutscher, wenn ich Schweinefleisch essen soll wie die Deutschen oder die christliche Religion annehmen soll, dann bin ich nicht integriert", sagt Dagali. "Ich fühle wie ein Türke", schiebt er nach. An diesem Gefühl ändert auch sein deutscher Pass nichts.

Treffpunkt "Neue Mitte Honsberg" - Ramazan Dalgali (rechts) mit Ralf Noll und Ute Friedrich-Zielas vom Verein Stadtteil e.V. Honsberg. FOTO: Jürgen Moll

Am Stadtteil Honsberg kann man die wellenförmige Geschichte der Einwanderung von Türken ablesen. Die erste und zweite Generation lebte in Remscheid unter dem Stichwort "Gastarbeiter". Die Männer arbeiteten bei der Bergischen Stahlindustrie und wohnten in kleinen Mehrfamilienhäusern, die das Klo auf dem Flur hatten. Geld schickten sie nach Hause. Ihre Frauen kamen nach. Es reichte an Sprachkenntnis, wenn man verstand, was am Arbeitsplatz gesprochen wurde.

Dalgali beschreibt die erste und zweite Generation als die "verlorene Generation". Viele Türken, die nach Remscheid kamen, hatten kaum eine Grundschule besucht. Wie man Kinder erzieht, das wussten sie nicht. Kinder überließ man sich selbst. Manche wussten noch nicht mal den Namen der Schule, auf die der Sohn ging, oder die Adresse des Hausarztes. Die Folgen waren verheerend: "84 Prozent der türkischen Kinder hatten in den 80er Jahren keinen Abschluss", sagt Dalgali. Eine Bildungs- und Integrationskatastrophe, die sich auch in einer zunehmenden Radikalisierung einzelner Gruppen wie den " grauen Wölfen" damals am Honsberg zeigte.

Elternkurse, Erziehungskurse, Sprachkurse. Dalgali gehörte zu den ersten Sozialarbeitern, die seinen Landsleuten in Remscheid Möglichkeiten anboten, wie man am Leben einer aufgeklärten Bürgergesellschaft teilnehmen konnte. "Erziehung kann man lernen", sagte Dalgali. Und Sprache sowieso.

Heute sind die Eltern türkischer Kinder froh, wenn sie einen Kindergartenplatz für ihre Sprössling haben. So haben die türkischen Kinder gleiche Voraussetzungen wie die deutschen Kinder für ihre Bildungslaufbahn. "In zehn Jahren ist die Integration der Türken kein Problem mehr", sagt Dalgali.

Am Beispiel der Türken in Remscheid kann man sehen, wie lange Integration dauert. "Wir brauchen einen langen Atem", sagt Ralf Noll, Vorsitzender des Vereins Stadtteil e.V. Honsberg in Bezug auf die Arbeit, die mit den neuen Flüchtlingen ansteht. Für Noll ist Integration keine Einbahnstraße. "Wir müssen offen sein und immer neu verhandeln, wie wir miteinander leben wollen", sagt er. Die "Neue Mitte Honsberg" ist dafür ein geeigneter Ort. Dort gibt es verschiedene Angebote, sich zu treffen, gemeinsam etwas zu erleben und auch Hilfe zu bekommen. Ein Vorzeigeprojekt. Bei aller Offenheit gegenüber Flüchtlingen, eines sei bei aller Kultursensibilität nicht verhandelbar: der Wertekanon des Grundgesetzes.

Die Zahlen der aktuellen Arbeitslosenstatistik zeigen deutlich die Schattenseiten der Integration. Der Anteil der Ausländer steigt immer mehr, Kinder türkischer Herkunft haben im Vergleich zu deutschen Kindern häufiger einen schlechteren Schulabschluss. "Als Sozialarbeiter können wir nicht beeinflussen, ob einer eine Stelle bekommt oder nicht. Wir können nur mithelfen, dass die Aussichten sich verbessern", sagt Noll.

Mit seiner Enkelin hat Dalgali früher türkische Lieder gesungen. Damit kann er heute nicht mehr punkten. Sein Enkelkind hört nur noch Popmusik.

Quelle: RP
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