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Remscheid
Irischer Tanz verliert die Bodenhaftung

Remscheid: Irischer Tanz verliert die Bodenhaftung
Als Königinnen der Lüfte zeigten sich die Tänzerinnen des irischen Aerial Dance Theatre Fidget Feet bei ihrem Gastspiel im Teo Otto Theater. FOTO: Jim Daly
Remscheid. Der Boden und ein paar Zentimeter über der Tanzfläche - das sind die angestammten Bewegungsräume für die Beine von Tänzern. Doch die der Schwerkraft geschuldete Begrenzung akzeptieren die Tänzerinnen (5) und Tänzer (2) des Aerial Dance Theatre Fidget Feet aus Irland nicht. Von Christian Peiseler

Himmelwärts wollen sie fliegen, den Tanz in die Lüfte holen, dort, wo die Freiheit der Bewegung grenzenlos zu sein scheint. Von Seilen gehalten, erkunden sie den Luftraum im Teo Otto Theater. Die Verbindung zwischen volkstümlichem Tanz und Zirkus-Akrobatik schafft eine Choreographie zwischen Himmel und Erde. Sie erzeugt starke Momente, ungewöhnliche Bilder, und sie versprüht eine Lebensfreude, wie sie nach drei Guinnessbieren auf ex entstehen kann. Entsprechend gut gelaunt applaudierte das Publikum im Teo Otto Theater dem Ensemble nach ihrer Tanzshow zu.

Die Choreographie wirkt wie eine Collage aus Stilen und Genres, die in dieser Mischung selten anzutreffen ist. Die irische Folkmusik hat immer den Fuß auf dem Gaspedal. Die vier Musiker am Rande der Bühne rühren aus Harfe, Flöte, Geige und Trommel einen Sound an, der den Tänzerinnen das Adrenalin in den Körper treibt. Manchmal bremst sie in einer scharfen Kurve abrupt ab. Ein pointierter Hüftschwung und eine geschmeidige Schulterdrehung gelten als Aufforderung an den Trommler, die Bremse wieder zu lösen. Schnelle Füße trippeln bis an den Rand der Ekstase, begleitet von heftigen Rhythmuswirbeln und Anfeuerungsrufen der Crew. Farbexplosionen und Spiegelungen verdoppeln den Tanz auf einer großen Videoleinwand am Ende der Bühne. Bewegungen zerspringen zu Schnipsel aus Gesten und Haltungen in einer Farbigkeit als würde Andy Warhol hinter der Video-Kamera sitzen.

Chromblitzende Masten begrenzen den Raum. Masten, wie sie in einem Zirkuszelt stehen. Seile schweben herunter und werden an den Tanzkleidern eingehakt. Plötzlich schweben die Tänzerinnen ein, zwei Meter über dem Boden. An der Seite regulieren zwei Ensemblemitglieder feinfühlig die Höhe, in der sich die Akrobatinnen bewegen. Mal lassen sie Leine, mal ziehen sie das Seil an. Zirkusluft weht durch den klassischen Tanzsaal. Diese luftigen Choreographien lassen einen Staunen und gerne der Schönheit der Bewegungen folgen. Alles passiert im Achtsamkeitsmodus. Sobald die Tänzer wieder festen Boden unter den Füßen haben, regnet es Schuhe vom Himmel - und es wird noch mal richtig losgesteppt, dass der Bühnenboden wie eine fette Basstrommel wummert.

Das poetische Theater bekommt auch seinen Raum. Die Figur des irischen Nobelpreisträgers W.B. Yeats landet auf der Erde und deklamiert in einem wunderbar altmodischen Pathos Verse aus seinem Poem "The Second Coming" - Verse voller Kraft und Trauer. Sie öffnen die Tür zu einer märchenhaften Welt, in der eine Sängerin mit Vogelkäfig und Ei auftritt.

Glanz erreicht der Abend, wenn alles passt. Wie an der Stelle, als zwei Frauen wie Avatare über ein wüstes Land fliegen. Ihre roten Haare wirken wie Blutstropfen auf einer Landschaft aus Eis und Stein. Der Tanz funkt Nachrichten aus der Endzeit.

Quelle: RP
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