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Remscheid
Ist das Kunst ?

Remscheid. Kunst oder Sachbeschädigung? An Graffiti scheiden sich die Geister. Zwei Sprayer aus Remscheid, ein legaler und ein illegaler, berichten über ihre Motive und Erfahrungen. Von Anna Kaiser

Wenn in Remscheid die Sonne untergeht, packt Tom (Name geändert) seine Sprühdosen ein und macht sich auf den Weg. Seine Ziele hat er sich vorher genau ausgesucht. Seine Werke sollen von möglichst vielen Leuten gesehen werden - also sind öffentliche Plätze, die viele Menschen begehen, besonders geeignet. Ebenso kommen Brücken, Unterführungen, Autobahnen mit hohem Verkehrsaufkommen in Frage. Verlassene Orte mag Tom nicht so sehr. "Da kann man auch am Tag hingehen, aber der Kick fehlt dabei". Für Tom ist das Sprayen Kunst, doch das ist es nicht allein. Sprayer müssen schnell sein. "Es geht auch darum, wer zuerst an einer Stelle ist. Es ist eine Art Battle", erklärt der Sprayer. Eine Schlacht im Schatten der Illegalität, ein Wettrennen um die besten Plätze also.

Ob Schriftzüge oder Characters, wie im Graffiti-Jargon figürliche, comicartige Darstellungen genannt werden - klare inhaltliche Regeln scheint es aber nicht zu geben. "Ich mache das für mich, da es illegal ist, muss ich keine Rücksicht auf andere nehmen und kann das machen, worauf ich grade Lust hab'", sagt der Sprayer.

Was in New Yorker U-Bahnschächten als stummer Protest gegen die Ödnis zubetonierter Städte begann, gehört auch in Remscheid längst zum Stadtbild. Auf Plätzen, an öffentlichen Gebäuden oder auch an den Fassaden von Privathäusern sind Graffiti sichtbar. Zum Ärger vieler Bürger, vor allem derer, die Schmierereien auf ihre Kosten beseitigen müssen. Wer illegal sprüht, macht sich strafbar (siehe Info). Doch nur selten werden Täter gefasst. Die Eitelkeit der "Künstler", die sich einem möglichst breiten Publikum zeigen wollen, macht sich in Zahlen deutlich: von 109 Straftaten die im vorigen Jahr in Remscheid angezeigt wurden, geschahen 95 an öffentlichen Plätzen, weiß Polizeikommissarin Hanna Meyerratken.

Als René Schneider 14 Jahre alt war, gehörte auch er zur Szene der Illegalen, inzwischen hat er das Sprayen zum Beruf gemacht. Sprayen muss längst nicht mehr illegal sein, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Viele Unternehmen entscheiden sich gegen Plakatwände und für Graffiti, um Werbung zu machen, weiß Schneider. "Die Firmen wollen etwas Einzigartiges", sagt er. "Die Leute haben genaue Vorstellungen, was sie haben wollen, und mein Job ist es, diese Ideen umzusetzen." Einige Aufträge habe er jedoch abgelehnt. Allerdings nicht, weil ihm das Motiv nicht gefallen hat, sondern weil er ein anderes Graffito nicht hat übermalen wollen. "Wenn es von jemandem stammt, der in der Szene angesehen ist, dann übermal' ich das nicht, das würde nur für Stress sorgen." Außerdem habe er da einen gewissen Respekt.

Graffiti habe sich als Kunst etabliert, wenn auch als spezielle, ist Schneider überzeugt. Sie seien nicht mehr so verpönt wie vor einigen Jahren. "Bei den ersten Aufträgen wurde ich heftig beschimpft, mittlerweile bekomme ich mehr Lob als Kritik", berichtet der Auftragskünstler. Für Sprayer, die nur mutwillig zerstören wollen und Züge oder dergleichen beschmieren, hat er kein Verständnis. "Das kann ich nicht nachvollziehen", sagt Schneider.

Wie kann man öffentliches und privates Eigentum vor mutwilliger Beschädigung schützen? Wenn Remscheid eine "Wall of fame" zur Verfügung stellte, also eine Wand die legal bemalt werden darf, "dann gehen Anfänger eher dahin als zum Nachbarn", sagt Schneider. Allerdings: Wer sprühen wolle, der würde das ohnehin machen, ergänzt er. Eine ähnliche Möglichkeit habe es bereits gegeben, sagt Michael Ketterer, von der Jugendförderung. Es war das Projekt "Remscheid in Farbe", bei dem junge Graffitikünstler Entwürfe einreichen konnten, die sie dann nach Absprache mit der Stadt anbringen durften", berichtet Ketterer. Momentan bestehe aber kein erkennbarer Bedarf, so der Jugendamtsmitarbeiter. An einer Aktion des Jugendrates gegen Rassismus, bei der Stromkästen gestaltet werden, könnten auch Graffitikünstler teilnehmen, bietet Ketterer an.

Auch Tom war an legalen Auftragsarbeiten beteiligt, doch die illegalen Graffiti aufzugeben, kann er sich nicht vorstellen, "dafür gibt es einfach zu viele Stellen, die mich reizen".

Quelle: RP
 
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