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Remscheid
Junger Flieger fand in Norwegen sein Grab

Suche nach Angehörigen von totem Remscheider
Suche nach Angehörigen von totem Remscheider FOTO: NN
Remscheid. Vor 76 Jahren starb der Remscheider Franz Seelbach bei einem Luftgefecht in Norwegen. Ein damals achtjähriges Mädchen wurde Augenzeugin. Sie ist die Mutter von Arne Henning Hansen, der nun nach Angehörigen des Toten sucht. Von Bernd Bussang

Als der damals 28-jährige Unteroffizier Franz Seelbach aus Remscheid am 29. Mai 1940 auf der deutschen Luftwaffenbasis im dänischen Aalborg in den randvoll mit explosiver Fracht beladenen Bomber stieg, konnte er noch nicht wissen, dass das der letzte Tag seines noch jungen Lebens war. Gemeinsam mit fünf weiteren Soldaten der Luftwaffe hatte Seelbach den Auftrag, die tödliche Fracht über zwei Kraftwerken der Orte Simavik und Karsfjord in Norwegen abzuladen. Die Besatzung der Focke-Wulf Fw 200 "Condor"erfüllte ihre Mission, doch auf dem Rückweg geraten die sechs jungen Männer in Feindkontakt. Ein englisches Jagdbombergeschwader entdeckt die deutsche Focke und nimmt die Fährte auf.

Der schwere deutsche Bomber, den die Luftwaffe im Weltkrieg nicht nur als Fernbomber, sondern auch als Aufklärer und Transporter einsetzte, hat gegen die wendigen englischen Jäger vom Typ Hawker Hurricane keine Chance. Eine Hurricane, geflogen von dem jungen Piloten Neville Banks, schert aus der Formation aus und heftet sich an das Heck der vergleichsweise unbeweglichen Focke. Das Geschützfeuer des Verfolgers durchschlägt Rumpf und Flügel der "Condor" und bringt sie ins Trudeln. Das Schicksal ihrer Besatzung ist besiegelt. Die Maschine sinkt schnell zu Boden und schlägt krachend auf die Wasseroberfläche eines Sees auf der Insel Dyøry. Für Franz Seelbach und seine Kameraden gibt es kein Entkommen. Das Flugzeugwrack reißt die Männer mit in die Tiefe. Am Ufer des Sees, etwa 100 Meter von der Absturzstelle entfernt, steht ein achtjähriges Mädchen. Nur wenige Schritte von ihrem Elternhaus entfernt, beobachtet das Kind den Luftkampf und seinen tragischen Ausgang.

Die Geschichte kennt Arne Henning Hansen seit früher Kindheit und hat sie unzählige Male gehört. Das Mädchen am Ufer ist seine Mutter. "Mein Großvater hat fünf der sechs getöteten Soldaten gefunden und der Polizei übergeben", berichtet Hansen. Ein Soldat war in seiner Not ohne Fallschirm aus dem Flugzeug gesprungen, bevor es in den See stürzte.

Das mit seiner Familie so eng verknüpfte Geschehen hat den 60-jährigen Hansen bis heute nicht losgelassen. Hinzu kommen das technische und historische Interesse des Triebwerkingenieurs am Zweiten Weltkrieg. Schon vor vielen Jahren begann er seine Nachforschungen. Was geschah an jenem Tag genau? Wer waren die Männer an Bord? Was war ihr Auftrag? Was ist mit dem Flugzeug auf dem Grund des Sees? Hansens ehrenamtliche Mitarbeit für das Museum der Norwegischen Airforce halfen ihm bei seiner Mission. Doch kam er viele Jahre nicht wirklich weiter, bis ihm 2008 Unterlagen der norwegischen Polizei aus dem Jahr 1940 in die Hände fielen.

Darin waren die Namen der toten deutschen Flieger verzeichnet. Damit war Hansen einen entscheidenden Schritt weiter. Nachfragen bei der deutschen Botschaft, die ihn an innerdeutsche Dienststellen weiterleitete, ergänzten das Bild: Der 1. Pilot war Leutnant Otto Freytag aus Zürich. Weiterhin an Bord befanden sich Oberleutnant Günther Thiel aus Neustrelitz, die beiden Oberfeldwebel Heinrich Ruthmann aus Dortmund und Willi Reker aus Heilbronn, Gefreiter Manfred Stephani aus Mulhausen und eben Unteroffizier Franz Seelbach aus Remscheid. Auch die Geburtsdaten lagen vor, für Seelbach der 22. November 1911.

Die toten Wehrmachtssoldaten sind auf einem Soldatenfriedhof mit rund 1500 Grabstätten im 160 Kilometer entfernten Narvik beerdigt worden. Dort liegt neben den sechs deutschen Soldaten übrigens auch der englische Pilot Neville Banks, der die Focke vom Himmel geschossen hatte. Ironie des Schicksals: Er war am selben Tag gestorben, nachdem ihn ein deutscher Kampfflieger abgeschossen hatte.

Im Jahr 2010 gelang es norwegischen Bergungstrupps, den Rumpf der abgeschossenen "Condor" aus dem See zu bergen. Die Rumpfteile befinden sich heute im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Einen Propeller durfte Arne Henning Hansen behalten. So fügten sich die Puzzleteile des Schreckensbildes von Hansens Mutter ineinander. Nun will der 60-Jährige den Kontakt zu den Angehörigen der toten Soldaten herstellen. "Ich würde sie gerne nach Norwegen einladen, damit sie sich ein Bild vor Ort machen können", sagt er. Auf diese Weise, so hofft Hansen, würde sich der Kreis einer ungewöhnlichen Schicksalsgemeinschaft mit seiner Familie schließen.

Kontakt über die E-Mail des Autors: bernd.bussang@bergische-morgenpost.de

Quelle: RP
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