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Heimat in Remscheid
Karl May-Felsen in der City

Heimat in Remscheid: Karl May-Felsen in der City
Rund 30 Meter ragen die Felsen des Steinbruchs Hohenhagen auf. Das Naturschutzgebiet ist aus Sicherheitsgründen eingezäunt. Die B 229 ist nur wenige hundert Meter entfernt. FOTO: jürgen moll
Remscheid. Der Steinbruch Hohenhagen ist unter Remscheids Naturschutzgebieten ein Kleinod, das seltenen Arten Lebensräume bietet. Entstanden ist er durch Sprengungen. Von Solveig Pudelski

Ein Naturparadies mitten in der City. Rehe springen durch den kleinen Wald aus Birken, Pappeln und Eichen. Vogelgezwitscher mischt sich in das Rauschen der Blätter. Es riecht nach trockenem Gras und Laub. Unter den Schuhen ist steinharter Untergrund. Vor dem steilen Felsen kreisen Vögel. Eine Libelle schwirrt über den Teich, der nach trockenen Wochen nahezu versiegt ist. In dieser Idylle fühlt sich der Besucher in eine Szene aus einem Karl May-Film versetzt - gleich könnte Winnetou auf seinem Rappen vorbeireiten.

Das Naturschutzgebiet Steinbruch Hohenhagen ist ein außergewöhnliches Kleinod. Sein Charakter ist ganz anders als andere Remscheider Naturschutzgebiete. Zum Beispiel entdeckt der Besucher bei näheren Hinsehen Relikte, die an eine industrielle Nutzung erinnern. Viele ältere Remscheider mögen sich daran noch erinnern. "Hier sprengte die ehemalige Ziegelei Schäfer das Gestein, Tonschiefer, das später zermahlen und zu Ziegelsteinen gebrannt wurde", sagt Thomas Friese. Der Ingenieur arbeitet im Fachdienst Umwelt bei der Unteren Landschaftsbehörde und kennt das neun Hektar große Gebiet wie seine Westentasche. Die hohe Felskante ist also nicht die Folge eines Bombenangriffs, sondern zahlreicher Sprengungen über Jahre hinweg. Wer hindurch schreitet, tritt plötzlich auf Metall. Das sind die Reste der Schienen, auf denen die Zeigelei Schäfer in Loren abgesprengtes Material zum Betrieb an der Neuenkamper Straße transportierte. Es gibt aus dieser oder einer früheren Ära noch einen alten Stollen oder Bunker in der Felswand, der inzwischen stark zugewuchert ist. Der blanke Fels ist Grauwacke, die, von Menschenhand bloßgelegt, Verwerfungen zeigt: Die Schichten liegen bizarr in starker Schräglage. Jeder kann sich hier gut vorstellen, warum der Hohenhagen als höchster Punkt der Stadt aufragt und Erosionen trotzte. Für Geologen mag der Steinbruch ein Dorado sein, für Kletterer ist er nicht geeignet.

Als einziges Naturschutzgebiet ist der Hohenhagener Steinbruch eingezäunt - "aus Sicherheitsgründen", sagt Friese und deutet auf die rund 30 Meter hoch aufragenden Felswand. Wer oben auf der Kante abrutscht, ist vermutlich verloren. Dennoch ist der Steinbruch zugänglich. Friese hat hier schon für einige Schulklassen und andere Gruppen das Tor geöffnet, sie hindurchgeführt und ihnen die Besonderheiten von Flora und Fauna näher gebracht. "Und alle staunen über die Schönheit dieses besonderen Fleckchens, das sehr versteckt liegt", berichtet Friese.

Der Steinbruch ist eingekeilt zwischen Stadtwerkegelände, Backbetrieb Evertzberg, der Sophie-Scholl-Schule und der Wohnbebauung auf dem ehemaligen Sportflugplatz. Im Norden liegt die scharfe Bruchkante, darunter bilden drei, durch Sprengungen entstandene Kessel fast ebene Plateaus mit magerem Boden.

"Es ist ein Extremstandort, der bestimmten Pflanzen und Tieren einen Lebensraum bietet", erzählt der Experte. Hier blühen Margeriten und Heidenelken. Amphibien, bedrohte Vogelarten, Insekten wie Libellen, Heuschrecken und Wildbienen finden auf dem Terrain gute Lebensbedingungen. Selbst während des Betriebs der Ziegelei habe sich eine Artenvielfalt entwickelt. "In den Fahrspuren lebten Kröten und Molche", erzählt Friese. Um auch heute möglichst vielen Arten einen Lebensraum zu bieten, greift der Mensch ein. "Wir haben sieben Teiche angelegt", sagt Friese, während er vor einem kniet, der zu diesem Zeitpunkt kaum Wasser hat. Nach Regen ändere sich das schlagartig. Schnell verwandeln sie sich in Laichgewässer. Hin und wieder werden sie entschlammt. Und die Wiesen lasse man einmal im Jahr mähen, Baumsetzlinge werden entfernt, damit der offene Charakter erhalten bleibe: Solche Pflegearbeiten seien dank des Topfs für Ausgleichsmaßnahmen - , in den zum Beispiel Bauherren einzahlen, wenn sie Bäume fällen - auch finanziert werden können. Man sei auch froh darüber, dass die Sophie-Scholl-Schüler das Naturschutzgebiet bei Müllsammelaktionen immer wieder sauber halten. Denn manch einer schleiche sich unerlaubt hinein, um schöne Stunden in der Natur zu genießen - oder vielleicht auch, um in einem Karl-May-Buch zu lesen.

Quelle: RP
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