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Remscheid
Keimzelle der Kunst

Street Art in Remscheid Honsberg
Street Art in Remscheid Honsberg FOTO: Moll, J�rgen
Remscheid. Leuchtende Graffiti, ein urbaner Garten und eine Kunstschule - Honsberg entwickelt sich zum Künstlerviertel. Ein Besuch in einem aufstrebenden Stadtteil.

Es hatte Stockholm werden sollen. Oder Kopenhagen. Vier Jahre lang hat Eva Zimmerbeutel im niederländischen Maastricht Textildesign studiert, nach ihrem Abschluss wollte sie in einer der beiden skandinavischen Metropolen als Künstlerin Fuß fassen. Vor sechs Monaten aber änderte die 24-Jährige ihre Pläne. "Ich erfuhr von dem, was hier passiert. Das hat mich einfach gepackt", erinnert sie sich heute.

"Hier", das ist Remscheid. Genauer gesagt: Honsberg. Ein Stadtteil, der auf den ersten Blick so gar nicht an Stockholm erinnert. Oder an Kopenhagen. Der graue Himmel unterstreicht das triste Bild, das manche Häuserfassade an diesem Vormittag abgibt. Was also bewegt eine junge Künstlerin dazu, genau hier ihr Atelier zu eröffnen?

Die Antwort liegt in der Halskestraße. Dort, wo die vermeintliche Tristesse dieses Stadtteils durch bunt leuchtende, haushohe Gemälde durchbrochen wird. Dort, wo ambitionierte Künstler den Raum und die Freiheit haben, sich zu entfalten.

Willkommen in Honsberg. Dem Stockholm des Bergischen Landes.

Wer begreifen will, was hier passiert, der muss eines wissen: Kunst ist nicht nur Fertiges, ist nicht nur Greifbares. Kunst ist auch Entstehung, ist Prozess. "Wir wollen einen Platz schaffen, an dem sich Künstler vernetzen und sich die Kunst weiterentwickeln kann", sagt Eva Zimmerbeutel. Dafür ist Honsberg der perfekte Ort.

Etwa 20 Häuser, die zwischen Halske- und Siemensstraße leer stehen, stellt die Gewag den Künstlern für ihre Projekte zur Verfügung. Die Kulturwerkstatt "Ins Blaue" nutzt die Räume, um etwa Malern, Musikern und Sprayern einen Raum zu bieten, in dem sie ihre Werke produzieren und zeigen können. Noch seien nicht alle Räume belegt, doch immer mehr Künstler stellten Anfragen, erzählt Zimmerbeutel.

Schon jetzt sieht man, was in Honsberg entstehen kann. Zahlreiche Häuser-Fassaden sind mit Graffiti verziert, kaum hat der Betrachter sämtliche Details des einen Werkes entdeckt und macht den nächsten Schritt entlang der Wohnblocks, steht er vor dem nächsten Gemälde. Viele sind vollendet, manche in Arbeit. Neben einem der bemalten Häuser entsteht demnächst ein urbaner Garten, in dem Interessierte, vor allem Kinder, Obst und Gemüse anbauen können. Auch dort also bald: Entstehung, Wachstum, Prozess.

Während der Mix aus leeren Fenstern, Baugerüsten und detailreichen Graffitis draußen noch auf das Entwicklungspotenzial des Viertels verweist, sind die Ideen der Künstler im Innern der Häuser schon sehr greifbar. Eines der Gebäude beherbergt die Kunstschule "Heimat", die Ute Lennartz-Lembeck gegründet hat. Einmal in der Woche laden sie und Eva Zimmerbeutel hier zu Projekten für Kinder ein. "Wir bieten spartenübergreifendes Lernen an. Die Kinder können etwa nähen, zeichnen oder fotografieren", so Lennartz-Lembeck. Geleitet werden die Projekte unter anderem von gelernten Kunsterziehern und ausgebildeten Designern.

Wer als Besucher durch die Wohnblocks in Honsberg wandert, hier und dort stehen bleibt, den Blick schweifen lässt, bemerkt , dass hier etwas im Gange ist. Noch stehen viele Räume leer, noch sind viele Fassaden nicht mit Graffitis bedeckt. Doch dort, wo die Werke der Künstler bereits zu bestaunen sind, ist spürbar, welche Möglichkeiten der quasi unberührte Platz den Kunstschaffenden bietet.

Genügend Raum, eine angenehme Stille und eine Fülle an Ideen - der Honsberg gleicht nicht nur an diesem Tag einer Keimzelle der Kunst.

Einer der Künstler, die am Gesamtkunstwerk Honsberg arbeiten, ist Marko Leckzut. Er erklärt, worum es neben der Kunst an sich in Honsberg auch geht - die Aufwertung des Stadtteils. "Vielleicht erreichen wir mit dem Projekt, dass wieder Menschen Lust haben, hier zu wohnen", sagt er. Auch die Menschen, die schon jetzt dort leben, sollen in das Projekt integriert werden. Die Ideen würden gut angenommen, so Eva Zimmerbeutel.

Welches Potenzial in Honsberg steckt, zeigte sich beim Street-Art-Festival am vergangenen Wochenende. Zahlreiche Künstler stellten dort aus, viele Bands traten ohne Gage auf, zum Abschluss erleuchtete ein Feuerwerk den Himmel über den Wohnblocks. Bei einem Wochenende, an dem Honsberg pulsiert, soll es aber nicht bleiben. "Das Lob, das von so vielen Seiten kam, ist Motivation, weiterzumachen", sagt Eva Zimmerbeutel. Geplant sei, regelmäßig Künstler verschiedener Genres nach Remscheid zu holen und Ausstellungen in den Räumen am Honsberg stattfinden zu lassen.

Die Argumente, die Zimmerbeutel und ihre Kollegen darauf hoffen lassen, dass ihre Pläne aufgehen, liegen auf der Hand. "Das Viertel befindet sich direkt am Wald, es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Zudem ist die Nähe zu anderen Städten und die günstigen Mieten in Remscheid ein Grund für viele Künstler, hierher zu kommen", sagt Zimmerbeutel. Schon jetzt arbeiten sechs Künstler in den Gebäuden, weitere sollen folgen. "Wir wollen aber darauf achten, einen guten Mix verschiedener Sparten zu bekommen. Das Projekt wird die gesamte Stadt voranbringen", so die Textildesignerin. Gut, dass sie sich für Remscheid entschieden hat - und nicht für Stockholm.

VON TIM SPECKS UND JÜRGEN MOLL (FOTOS)

Quelle: RP
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