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Lebensraum Wald (2)
Keller des Waldes gleicht einer Mega-City

Lebensraum Wald (2): Keller des Waldes gleicht einer Mega-City
Bodenschichten lassen sich in diesem Bombentrichter in einem Lenneper Wald gut erkennen, sagt Markus Wolff und zeigt einige Feinwurzeln. FOTO: jürgen Moll
Remscheid. Trotz Waldkalkungen verdient der Zustand des Bodens nur die Note 4, sagt der Forstamtsleiter. Emissionen sind die Ursache. Von Solveig Pudelski

Wer im Garten gräbt weiß, im Boden steckt Leben drin, sehr viel Leben. Im Waldboden ist es noch ein bisschen mehr. Der Untergrund, gleichsam der Keller des Lebensraumes Wald, gleicht einer Mega-City, die sich unterschiedliche Lebewesen mit unterschiedlichem Entwicklungsgrad teilen.

Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze mit all ihren Verzweigungen und Algen, außerdem Fadenwürmer, Milben, Springschwänze, Rädertiere, Borstenwürmer, Käferlarven, Zweiflüglerlarven, Regenwürmer, Schnecken, Spinnen und Asseln. Hinzu kommen die Bewohner, die darin Unterschlupf finden, wie etwa Mäuse. "In einem Hektar Waldboden sind Lebewesen, die zusammen eine Masse von bis zu 25 Tonnen ergeben", macht Markus Wolff die Dimension dieses Lebensraumes deutlich. Er ist der Leiter des Forstamtes und des städtischen Grüns bei den Technischen Betrieben Remscheid.

Und diese Mega-City gleicht einem Labor, in dem sich biochemisch sehr viel abspielt. "Von der Qualität, vom Zustand des Waldbodens hängt alles ab", sagt Wolff und schaut dabei besorgt. Denn das Stück Natur ist allem ausgesetzt, was die Zivilisation in die Luft pustet - Abgase, Emissionen der Industrie oder aus dem linksrheinischen Braunkohle-Gebiet. Weil Remscheid östlich dieses Tagebau-Reviers und anderer Emittenten liegt, bekommt der Bergische Forst aufgrund vorherrschender Westwinde die geballte Ladung ab. Zwar kann ein Hektar Nadelwald jährlich 50 Tonnen Ruß und Feinstaub filtern, "aber die Schadstoffe reichern sich im Waldboden an, er ist stickstoffbelastet, nährstoffarm und hat ein geringes Bodenleben", erklärt Wolff. Die Bodenchemie gerät durcheinander, die Böden versauern und die Bäume werden krank. "Waldsterben" ist das Reizwort seit Jahrzehnten.

Ohne regelmäßige Kalkungen des Remscheider Waldes sähe es schlecht aus für die Zukunft der grünen Lungen und damit auch für die Luft. "Aber wir erreichen mit der Kalkung nur, dass der Zustand des Bodens nicht schlechter wird", warnt Wolff vor Schönmalerei.

Obwohl Leidtragende der Umweltverschmutzung, müssen Waldbesitzer einen Teil dieser Kalkungen aus eigener Tasche bezahlen: Privatwaldbesitzer zehn Prozent, die Stadt immerhin noch 30 Prozent der Kosten - "das sind schnell 10.000 Euro pro Kalkung", sagt Wolff. Das Remscheider Forstamt setzt aber zudem auf einen ökologischen Waldumbau - mit dem Abbau von Monokulturen, neuen Arten und stärkerer Durchforstung, damit Licht und Wärme in den Wald eindringt und Artenreichtum zu seinem Jungbrunnen wird. So gelte die tiefwurzelnde Buche als "Nährstoffpumpe", sie leistet somit mehr als eine Fichte.

Dem Waldboden in Remscheid könne trotzdem nur die Note 4 gegeben werden, der pH-Wert ist alles andere als ideal. Sinke er unter 3, sterben Feinwurzeln ab, sagt Wolff. Bäume werden krank. Den Waldboden sollten Spaziergänger und andere Besucher daher als einen erhaltenswerten Schatz betrachten. Er ist ein wichtiger Wasserspeicher, der einem Schwamm gleicht (siehe Bodenerosion in Westhausen nach Rodung, Folge 1), ein Wasserfilter, ein Lebensraum und Nährstofflieferant für Tiere und Pflanzen. Böden sind der zweitgrößte Kohlenstoffspeicher.

Entstanden sind die Böden nach der letzten Eiszeit - vor rund 12.000 Jahren. 100 Jahre vergehen, bis sich ein Zentimeter Waldboden entwickelt hat. Der Remscheider Waldboden ist einen halben bis einen Meter dick. Es handelt sich um Braunerde mit mäßigem bis normalem Nährstoffgehalt, erklärt Wolff. Schützenwert ist also nicht nur der brasilianische Regenwald, sondern auch unser Forst im Bergischen Land, in dem es dank des Ziels, eine nachhaltige Forstwirtschaft zu betreiben, keinen Raubbau gibt.

Quelle: RP
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