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Remscheid
Konstrukteur der Wirklichkeit

Remscheid. Der Schauspieler Eric Rentmeister überzeugt bei der WTT-Premiere des Stücks "Seite 1". Von Bernd Geisler

Da steht er nun, der kleine Gernegroß, und labert ins Publikum. Mit stolz geschwellter Hühnerbrust, kahl rasiertem Schädel, in mausgrauem Anzug und Schuhen, darunter weißes T-Shirt. Der Typ heißt Marco. Der Schauspieler Eric Rentmeister verkörpert ihn in einer glänzenden Sololeistung im Stück "Seite 1" im WTT. Das Stück schrieb Johannes Kram, geboren 1967, unter anderem auch Blogger und Marketingstratege. Er hat es vor vier Jahren geschrieben. Mit der prophetischen Ahnung des Autors ist es so aktuell, als habe er es gestern erst verfasst. Das Stück hat in Remscheid Premiere und es ist die große Stunde des Eric Rentmeister.

Seine Figur Marco ist ein sich selbst aufgeblasener Biedermann. Solche Menschen sind gefährlich, weil dummdreist. Wichtig ist das große Maul: Damit geht's oft schneller voran auf der Karriereleiter. Marco fordert das Publikum direkt auf, ihn einzuschätzen: "Bin ich cool?" Die Leute sind verblüfft: Gehört es zum Stück oder will er es wirklich wissen? Rentmeister hält sich sehr genau an den Text. Das macht er so gut, dass die Grenzen zwischen ihm und Marco verwischen. Marco startet eine Publikumsbeschimpfung und macht sich über die Besucher lustig. Das ist genau seine Masche: Erst die Leute aufs Glatteis führen und dann über sie herziehen. Dieses Metier ist seine Spielwiese. Marco outet sich stolz als "Boulevardjournalist". Das seien diejenigen Schreiber, "die die Wahrheit der Menschen schreiben, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen."

Was er darunter versteht, sagt er später: "Auch wenn es nicht die ganze Wahrheit ist, so ist sie doch die ganze Wirklichkeit!" Und diese Wirklichkeit bestimmt er selber. Seien es "türkische oder arabische Jugendbanden" oder Selbstmorde. Er hievt mit Hinterlist und Tücke das Schlagersternchen Lea Seeberg auf die Titelseite ("zwölf Millionen Leser"). Als er merkt, dass er dabei gründlich daneben gegriffen hat, schafft er es trotzdem, skrupellos eine neue "Wirklichkeit" hinzubiegen. Der Autor Johannes Kram sitzt im Zuschauerraum und ist bereits zur Pause "sehr beeindruckt": Rentmeister habe sich nah an den Text gehalten, komme sehr glaubwürdig rüber und schaffe es, den Spannungsbogen zu halten. Das Publikum ist durch die Bank weg von Rentmeisters Gedächtnisleistung beeindruckt. So wie Rentmeister den Marco angelegt hat - mpulsiv, fiebrig, sich zur Ruhe zwingend - erscheint er wie ein jungfräulicher Boulevardschreiber, der seinen ersten großen Coup landen will.

Quelle: RP
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