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Ansichtssache
Mehr Lehrer und kleinere Klassen helfen

Meinung | Remscheid. IHK-Präsident Thomas Meyer setzt sich für mehr Wissen über Wirtschaft in den Schulen ein. Frühkindliche Sprachförderung ist aber wichtiger.

Ich bin fast 18 Jahre und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen." Auf diese Twitter-Nachricht einer Gymnasiastin aus dem Jahr 2015 bezog sich Thomas Meyer, Präsident der Industrie- und Handelskammer Wuppertal-Solingen-Remscheid, in jüngster Zeit gerne. Sowohl beim Neujahrsempfang wie auch bei der Konjunkturpressekonferenz nutzte er den Hilferuf der Abiturientin, um sich für das Thema "Wirtschaft" im Unterricht stark zu machen. Dabei klangen seine Äußerungen so, als wolle er die angeblich zweckfreie literarische Bildung gegen das nützliche Wissen aus dem Wirtschaftsleben ausspielen.

Die Debatte über die Sinnhaftigkeit klassischer und humanistischer Bildung angesichts der Notwenigkeiten des Lebens in einer modernen Gesellschaft flackert immer wieder auf. Ist es wirklich die Aufgabe der Schule, den Schülern zu erklären, wie eine Lebensversicherung funktioniert oder ein Sparvertrag abgeschlossen werden kann?

Mitnichten. Wer zu kritischem und widerständigem Denken angehalten wird, ob im Elternhaus oder in der Schule, spielt dabei nicht die entscheidende Rolle, der ist auch nach der Schule in der Lage, die Systematik einer Steuererklärung und einer Lebensversicherung zu durchschauen. Dafür braucht es kein eigenes Fach "Wirtschaft".

Meyer hat in einem Punkt allerdings recht. Ohne ein Grundwissen über die zentralen Mechanismen einer Volkswirtschaft und sozialen Marktwirtschaft sollte kein Schüler ein Abschlusszeugnis erhalten.

Bei allem Verständnis für die Forderung nach praktischem Wirtschaftswissen, sollte nicht übersehen werden, dass der Sinn von Schule nicht darin besteht, angepasste junge Menschen hervorzubringen, die den Erwartungen der Unternehmen entsprechen. Die Gedichtanalyse hat ihren Wert an sich und taucht in Bilanzen nicht auf. Viel bedrohlicher für die Wirtschaft und die literarische Bildung ist die Abnahme der Sprachfähigkeit, wie sie bei den Einschulungstests zutage treten. Fast jedes vierte Kind weist "Auffälligkeiten" auf. Bei ausländischen Kindern jedes zweite. Man kann die Schulträger nur auffordern, umzusteuern. Mehr Lehrer, kleinere Klassen und mehr Zeit braucht es, um allen die gleichen Bildungschancen zu ermöglichen. Es wäre hilfreicher, sich für die frühkindliche Sprachkompetenz einzusetzen, als auf Kosten der literarischen Bildung punkten zu wollen.

Quelle: RP
 
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