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Remscheid
Melodien beleuchten den Weg zur Demut

Remscheid. Die Frauenkantorei Eppelheim führte Hildegard von Bingens Singspiel "Ordo Virtutum" auf. Von Gisela Schmoeckel

Geheimnisvolles Licht dämmerte am Sonntagabend in der Evangelischen Stadtkirche Remscheid und eine feierliche Ruhe umfing die vielen Besucher, als drei Männer in dunklen Mönchskutten hereinkamen. Mit ihrem Gesang eröffneten sie als Patriarchen und Propheten das mittelalterliche Spiel um den Kampf der Seele, das die Benediktinerin Hildegard von Bingen vor 1000 Jahren komponiert hat. Als die Sängerinnen der Frauenkantorei Eppelheim in ihren schlichten, langen Kleidern hereinkommen und dem Gesang der Männerstimmen antworten, greift schon die Faszination für die sich stets wiederholende Melodiefolge. Aber sie wiederholt sich gar nicht genau, sie scheint geteilt in einen kleinen, dann den Atem weitenden Bogen wie zwei Brücken, die in die Höhe führen, um zum Schluss wieder sanft abzusinken.

Die Frauenkantorei Eppelheim singt die lateinischen Texte des Mysterienspiels, in dem die guten und schlechten Kräfte im Menschen einzelne Stimmen haben. Das Raumlicht verändert sich: Wenn die Stimme der Demut singt, hat es einen warmen gelben Ton, ruft in herrschsüchtigem Forte der Teufel seine Verhöhnungen des guten Lebens aus und bemächtigt sich der Seele, dann ergreift kaltes Violett die Macht.

Auf eine Leinwand projizierte Bilder mit Übersetzungen der Texte erleichtern das Verständnis des Spiels, das sich im ganzen Kirchenraum vollzieht; angedeutet in ruhigen Bewegungen und Mienenspiel hält es, bis auf die Ausbrüche des Diabolus, eine abwägende, disziplinierte Waage zwischen der Künstlichkeit der personifizierten Kräfte, eigentlich Tugenden, die der unglücklichen Seele helfen, im Verzicht auf die diabolischen, auch verlockenden Versprechungen das Glück in der Liebe zu Christus zu erfahren.

Die Aufführung der "Ordo virtutum" war der krönende Abschluss einer Woche, in der Ursula Wilhelm, Kantorin der Evangelischen Stadtkirche, durch Vortrag und Einführung mit der Musik Hildegard von Bingens bekannt machte. Die Frauenkantorei Eppelheim kommt aus dem Großraum Heidelberg und hat mit ihrem Leiter Otmar Wiedenmann-Montgomery das geistliche Schauspiel einstudiert. Einstimmig erklingt der Gesang, reizvoll ist der Wechsel zwischen den Soli und dem antwortenden Chor. Spannung und innere Dramatik entsteht durch die unterschiedlichen Klangfarben der Solostimmen.

So macht Kim Boyne die Zerrissenheit der Seele zwischen der Welt des Diabolus und dem Leben in Gottesfurcht lebendig. Warm und kraftvoll erklingt die Freude des Siegs, der Victoria, gesungen von Eva-Katharina Well, Besonnenheit prägt Sabina Pauens Stimme der Demut, der Humilitas, die als Königin der Tugenden die Seele zum Weg des Heils leitet. Die Melodik aufgreifend, anstimmend, ihr voraus oder nachklingend, wirkt das Spiel des Organettos, der kleinen tragbaren Orgel von Ursula Wilhelm wie ein sicherer, auch kommentierender Grund. Klage, Verzweiflung, Freude und Dankbarkeit - alle widerstreitenden Gefühle finden Ausdruck in der wundervollen, minimal sich verändernden Gleichförmigkeit der Musik.

Quelle: RP
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