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Remscheid
Milchpreise lassen Landwirte verzweifeln

Remscheid: Milchpreise lassen Landwirte verzweifeln
Kühe sind Axel Fehlbicks Kapital, der Milchpreis bestimmt sein Einkommen. FOTO: Moll Jürgen
Remscheid. 28 Cent pro Liter Milch decken die tatsächlichen Kosten nicht mehr. Bauern sparen und schieben Investitionen auf. Von Solveig Pudelski

Wenn Radtouristen aus den Städten über die Balkantrasse radeln, stoppen sie gerne in Bergisch Born, um grasende Kühe zu fotografieren. Für sie ist das Landleben im Bergischen Land noch eine heile Welt. Aber Remscheider Landwirten, die von der Milchwirtschaft leben, treiben die seit Monaten gesunkenen Milchpreise tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. "Diese Preise decken die Kosten bei weitem nicht mehr. Viele kleinere und mittlere Betriebe können so dauerhaft nicht mehr wirtschaften", beklagt Andreas Kempe, Ortsvorsitzender der Ortsbauernschaft. Die sieben Remscheider Landwirte, die Milchwirtschaft als Vollerwerbsbetrieb halten, gingen an ihre Reserven und bangten um ihre Existenz. Just der kleinstrukturierten, familiengeführten Landwirtschaft, die überall gewünscht sei, gehe es an den Kragen.

Axel Fehlbick, dessen 120 Kühe gerne als Fotomotiv an der Radtrasse gewählt werden, zeigt mit einem Zahlenvergleich die Dimension des Milchpreisverfalls auf: "2014 habe ich noch 41 Cent pro Liter bekommen, inklusive Prämie und Mehrwertsteuer, heute sind es nur noch 28 Cent. Mir fehlen jeden Monat 8000 Euro." Denn die Kosten für die Viehhaltung bleiben. Vor anderthalb Jahren hat er noch einen Stall erweitert, um den Tieren mehr Platz zu bieten. Jetzt muss er auf Investitionen verzichten, Reparaturen hinauszögern, seine Rücklagen antasten und an Helfern sparen, um über die Runden zu kommen. Mehr Eigenarbeit heißt seine Devise. Selbst seine Eltern, von denen er den Hof übernommen hat, packen in ihrem Ruhestand wieder mehr an. Aufgeben? Nein, das komme für ihn nicht in Frage. "Wir führen diesen Hof seit Generationen, das gibt man nicht so einfach auf." So hofft er auf bessere Zeiten - wohlwissend, dass eine Hilfe derzeit eigentlich nur aus Brüssel kommen kann.

Das Milchpreisdumping setzte 2015 ein. Zwei Entwicklungen trafen unheilvoll aufeinander. Mit dem Wegfall der Milchquote, die die Produktion über Jahre deckelte, investierten viele Landwirte in einer Erweiterung, sie stockten den Bestand an Milchvieh auf. Mehr Milch kam auf den Markt, gleichzeitig sank die Nachfrage: Russlandembargo, weniger Nachfrage in China und in den erdölexportierenden Ländern des Nahen Ostens. Einzelhandelsketten drückten die Preise. Die derzeitige Soforthilfe für Bauern in Form von Zinserleichterungen hält Kempe für völlig unzureichend. Für Landwirte sei es schwierig, kurzfristig andere Einnahmequellen zu erschließen. Sie planen mittel- und langfristig. Zum Beispiel mit der Nachzucht: Kälbchen werden als künftige Milchkühe gehalten. "Verkaufen kann ich sie auch nicht, die Nachfrage fehlt", sagt Fehlbick.

Die Grünlandflächen dürfen laut EU-Gesetz nicht anderweitig genutzt werden. Andere Standbeine wie ein Hofladen, die Direktvermarktung oder das Umstellen auf Biolandwirtschaft seien arbeitsintensiv und nicht schnell umzusetzen. Kempe: "Das sind nur Nischen für einen kleinen Kundenkreis."

Quelle: RP
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