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Remscheid
Mit Marke Eigenbau alle Krisen überlebt

Remscheid. Die Härterei K.W. Urbach an der Stockder Straße besteht nun seit 75 Jahren. Volle Auftragsbücher. Von Christian Peiseler

Zigarette, Kaffeekanne, Geruch von Öl und Stahl. In seinem kleinen Büro an der Stockder Straße sitzt Günter Händeler jeden Morgen um sechs Uhr. "Ich bin Frühaufsteher" sagt der 64-Jährige. Auch wenn er die Leitung seiner Firma Urbach bald an seinen Sohn abgibt, wird er weiter im Büro sitzen, so wie es der Firmengründer Karl Wilhelm Urbach getan hat, der bis zu seinem Tod 1999 fast täglich vorbeischaute. Nach der Lagebesprechung sagte Urbach zu Händeler "Ich würde es so machen, Günter. Aber es ist dein Laden." Die Ratschläge von Urbach haben Händeler meist gut getan. Zwei "Knösterpitter" unter sich.

Seit 75 Jahren besteht der Betrieb, in dem sieben Angestellte arbeiten. Er ist spezialisiert auf Induktivhärterei. Händelers Maschinen sind in der Lage, exakt an ganz bestimmten Stellen einer Säge oder einer Schere zu härten. So bleibt der Stahl flexibel und hat eine längere Lebensdauer, als wenn er komplett in einem Ofen erhitzt würde. Zur Demonstration fährt Händeler mit seinen Arbeiterhänden über ein Schneidwerkzeug, das bei Mähmaschinen in Amerika eingesetzt wird. "Nur an den Schneidekanten härten wir", sagt er stolz. Die Maschinen, die in seiner "Klitsche" stehen, kann man nirgendwo kaufen. Der Maschinenbauer hat sie selbst konstruiert. Induktivhärterein dieser Art gibt es nur wenige. Sie liefert Maßarbeit. "Ich muss keine Werbung machen", sagt er und zieht entspannt an seiner Marlboro-Zigarette. Die Kunden rufen ihn an. Eine komfortable Situation. Rückwärts müssen die Laster die steile Auffahrt an der Stockder Straße hochfahren, um die Rohlinge abzuladen. Am Abend oder am nächsten Tag sind die Teile meist fertig. Sieben Maschinen stehen in der Produktionshalle. Fotografieren verboten. 250.000 Teile kann die Firma im Monat bearbeiten.

Der Nachschub geht nicht aus, auch wenn manche Branche, für die über Jahre gearbeitet wurde, nicht mehr existiert. Wie die Schlittschuhe, deren Kufen in Remscheid gehärtet wurden. Seine Kunden sind Automobilzulieferer, Hersteller von Schneid- und Mähtechnik für die Land- und Forstwirtschaft.

An Erweiterung seiner Kapazitäten hat Händeler noch nie gedacht. Warum? "Ich kann mir dann zwar drei Brötchen morgens kaufen, aber nur eines essen", sagt er. Was soll das? Also lässt er es bleiben. Er komme so sehr gut zurecht. Wenn der Betrieb läuft, steigt Urbach gerne in einen seiner drei VW Bulli. Die alten Modelle, die heute nicht mehr gebaut werden, sind top in Schuss. Mit ihnen fährt Händeler quer durch Europa, von Gibraltar bis nach Norwegen. Campingplätze meidet er. Da ist er eigen. Er hält immer dort, wo er gerade Lust hat, zu parken. In seinem VW kann er kochen, essen, duschen und schlafen. "Und wenn mich einer anruft, weil irgendetwas mit der Firma ist, starte ich sofort und komme nach Hause." Kaffee, Zigarette, nachdenken, telefonieren, und schnell ist alles wieder im Lot. Wahrscheinlich auch noch die nächsten 75 Jahre.

Quelle: RP
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