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Analyse
"Möhrchen" und die Wunden im System

Remscheid. Ansichtssache: Zu den Fehlern im Sozialsystem gehört, dass zu viele Menschen beschäftigt werden, um anderen Menschen zu erklären, wie man Geld aus dem System bekommt. So wächst ein bürokratisches Monstrum, dass sich nur schwer verändern lässt. Von Christian Peiseler

Hungernde Kinder in der Grundschule, weil die Eltern es nicht hinbekommen, ihren Zöglingen ein Frühstück zu bereiten oder das Geld für ein Mittagessen aufzubringen - solche Situationen gibt es in Remscheid nicht. Dank des Vereins "Möhrchen". Hungernde Kinder darf es in dieser Stadt auch nicht geben. Kinder können nichts dafür, dass ihre Eltern unfähig sind, ihre Grundbedürfnisse zuverlässig und regelmäßig zu befriedigen. Wer das Wohl des Kindes im Auge hat, der kann nur sagen: Remscheid braucht "Möhrchen", wahrscheinlich auch noch die nächsten zehn Jahre.

Was vor gut zehn Jahren als Nothilfe gedacht war, hat sich inzwischen als fester Bestandteil des Sozialsystems etabliert. Und hier fangen die Widersprüche an. Bürger spenden Geld für eine ehrenwerte Initiative, die unerträgliche Missstände im System ausbügelt. Nur das fehlerhafte System ändert sich nicht.

Warum sollte es sich auch ändern? Solange es doch "Möhrchen" gibt, gibt es keine hungernden Kinder, solange ist alles in Ordnung. Oder?

Die Stimmen mehren sich, die diesen gelebten, täglichen Widerspruch nicht länger hinnehmen wollen. "Möhrchen" oder auch "die Tafel" halten aus dieser Perspektive ein defektes System am Leben, das vielleicht mal grundsätzlich überprüft werden sollte. Und zwar unter der Fragestellung, ob es das leistet, was es leisten soll: Menschen in schwierigen Lebenssituationen wieder zu befähigen, ein selbstständiges Leben zu führen, ohne die fürsorgliche Belagerung des Staates. Wenn man sich die Zahlen anschaut, die Auskunft geben über die Entwicklung von Transferleistungen in Remscheid, lässt sich wohl kaum sagen, dass die immer so gelobten Präventionsketten, die es auch schon vor zehn Jahren gab, so erfolgreich waren, wie von ihren Verfechtern immer behauptet wird. Die Zahl der Menschen, die von Transferleistungen leben, machen inzwischen zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Fast jedes vierte Kind in dieser Stadt gilt als arm. Das ist keine Momentaufnahme, sondern ein Prozess. Vieles spricht dafür, dass die soziale Lage noch schlimmer werden könnte. Wir leben in wirtschaftlich goldenen Zeiten, aber die Zahl der Menschen am Rande der Gesellschaft wächst. Was wird erst passieren, wenn es wieder zu einer Krise kommt?

Zu den Fehlern in diesem System gehört, dass zu viele Menschen beschäftigt werden, um anderen Menschen zu erklären, wie man Geld aus dem System bekommt. An Remscheider Schulen arbeiten Sozialberater, die Eltern dabei helfen, Anträge auszufüllen, um einen Zuschuss fürs Essen, zum Sportverein, für die Klassenfahrt oder den Nachhilfeunterricht zu erhalten. Auch Ehrenamtler an den Offenen Ganztagsschulen sind mit eingespannt. Was für ein bürokratisches Monstrum. Es erschafft ein ganzes Imperium an sozialen Dienstleistungen, das wie alle Imperien die Tendenz zu einem hartnäckigen Eigenleben entwickelt und sich kaum wieder stutzen lässt. Wenn dennoch reduziert werden soll, erschallt großes Wehklagen. Die Tonlage der Stuckateure am Firmament der Sozialarbeit konnte man kürzlich im Jugendhilfeausschuss vernehmen. Anstatt für einen Umbau zu plädieren, sollten weiter Rettungsringe in Form von Sozialarbeitern verteilt werden. Über den Tellerrand wollte keiner schauen.

Ein Umbau ist kompliziert, weil Bund, Land und Kommunen beteiligt sind. Entrümpeln von Bürokratie, auskömmlich und gerecht finanzieren und Eltern aus der Eigenverantwortung nicht entlassen - das wären Kriterien für den Umbau. Ein "Weiter so" zementiert nur einen Mangel an nachhaltigem Erfolg.

Übrigens: "Möhrchen" gibt es nur für Grundschüler. Haben Kinder aus armen Familien an weiterführenden Schulen weniger Hunger oder die Eltern plötzlich mehr Geld und Fähigkeiten, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen? Wohl kaum.

Quelle: RP
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