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Remscheid
Mosern im Fantrikot mit vier Sternen

Remscheid: Mosern im Fantrikot mit vier Sternen
FOTO: Hertgen, Nico (hn-)
Remscheid. Das Düsseldorfer Köm(m)ödchen zeigte temporeiches und spritziges Kabarett in der Lenneper Klosterkirche. Von Stefanie Bona

Wenn Super-Poldi eingewechselt wird, ist "Deutschland gucken" angesagt. Jogis Kicker gegen Holland - das wird ein Fest! Pustekuchen - denn Erb-Millionär Bodo bringt die cosmopolitische Solveig mit, die die Männerrunde zutextet und das lange gehegte Ritual der gemeinsamen Fernsehabende als Steilvorlage für einen Dokumentarfilm nutzen will.

Das Düsseldorfer Kom(m)ödchen bot in der Lenneper Klosterkirche ein temporeiches, spritziges Programm, das Ensemblekabarett auf höchstem Niveau zeigte. Daniel Graf, Maike Kühl, Martin Maier-Bode und Heiko Seidel boten einen rasanten Parforceritt durch west- und ostdeutsche Geschichte, von Flower-Power bis zur Eurorettung Griechenlands. Die drei Freunde Dieter, Bodo und Lutz kauen alles durch, haben zu allem und jedem eine Meinung und finden sich plötzlich in den wildesten Diskussionen über sich und die Welt wieder. Und das, obwohl sie doch eigentlich nur als drei von Millionen Bundestrainern auf dem braunen Cordsofa in Lutzens schmuddeliger Wohnung das Fußballspiel kommentieren wollten - genau wie in all den Jahren zuvor mit Bier, Snacks und einem Sack Frikadellen für 1,99 von der Aral-Tankstelle.

Da passen die Bio-Oliven vom smarten Bodo nicht so recht ins Bild, doch der will ja bei der eloquenten Solveig Eindruck schinden und ihr mit der bulgarischen Folklorekapelle im Hof einen Heiratsantrag machen. Doch soweit kommt es gar nicht, reist doch das ungleiche Quartett überstürzt gen Fernost, um der Produktpiraterie der Chinesen ein Ende zu bereiten. Und flugs ist der biedere Dieter der neue Dalai Lama, der im Fantrikot mit den vier Sternen auf der Brust in dieser Rolle eine ganz neue Figur abgibt. Was in eine hanebüchene Story verpackt wurde, bot beste Unterhaltung und legte gleichermaßen immer mal wieder den Finger in die Wunde des Systems.

Wie geht das reiche Deutschland mit dem Flüchtlingszustrom um? Und wenn die Deutschen schon eine Maut wollen, dann aber bitte schön eine, die sonst niemand hat. Berlin ist die Hauptstadt der Hipster, doch gelobt seien die Menschen in der Provinz, wo die Kultur im Stadtsaal stattfindet und die neue Umgehungsstraße das einzige Zeichen moderner Infrastruktur ist. Auch wundern sich die Freunde, wo das Geld der Steuerzahler bleibt. Klare Sache: Es landet in Prestigeobjekten wie dem Berliner Flughafen, während in den bundesdeutschen Klassenzimmern doch ein Globus steht, der noch Qne Scheibe ist.

Vor allem die Generation Ü45, die im Publikum zahlreich vertreten war, konnte in Reminiszenzen an die eigene Jugend schwelgen. Hätte man in den 1970er Jahren jemandem erzählt, dass die Leute telefonierend über die Straße gehen, wäre dies ins Reich der Sagen und Mythen verbannt worden - so lange Kabel gibt es doch gar nicht. Am Ende wurde dann wieder Fußball geguckt. Auf dem Röhrenfernseher mit rotem Plastiküberzug und ohne Ton - "Tom Bartels moderiert, macht also nichts!"

Quelle: RP
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