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Selbstversuch: Sportschießen
Nicht bewegen!

Selbstversuch: Sportschießen: Nicht bewegen!
FOTO: Moll Jürgen
Remscheid. Zum Sportschießen bei den Remscheider Schützen von 1816 braucht es Ruhe und Konzentration. Ein Selbstversuch. Von Bernd Bussang (Text) und Jürgen Moll (Fotos)

Im schummrigen Licht des Schießkellers des Remscheider Schützenvereins von 1816 erscheinen mir die zehn Meter bis zur Scheibe sehr weit entfernt, viel weiter als der Elfmeterpunkt vom Tor. Ich lockere Arme und Schultern, meine Füße stehen schulterbreit und parallel zur Zielwand. "Das Einrichten", sagt mein Schießtrainer Volker Eschweiler, "ist das Wichtigste." Ich richte mich ein. Langsam hebe ich den rechten Arm und schließe das linke Auge. Trockenübung. Noch liegt die Luftdruckpistole schaumstoffgepolstert im Koffer.

Als der Vereinsvorsitzende, Christoph Lange, mit dem Schießsport begann, war er zwölf. Ein Klassenkamerad hatte ihn zunächst mit zu den Bogenschützen des Schützenvereins genommen. Heute ist er 38. Seine Spezialdisziplin ist das Kleinkalibergewehr, 60 Schuss liegend. Wer ihn in seiner eng anliegenden, vielfarbigen Schießjacke sieht, denkt an einen jungen, feschen Leutnant im historischen Kostümfilm. Doch hier läuft genau das Gegenteil von einem Actionfilm. "Es geht darum, still zustehen oder zu liegen", sagt Lange. Ökonomischer Umgang mit der Waffe, Atemtechnik, Fingerfertigkeit, gutes Auge, ruhiger Abzug - "70 Prozent des Erfolges beruht auf reiner Konzentration." Für das Erlernen der Grundtechnik benötige ein Anfänger drei bis vier Monate, sagt der Vorsitzende. Ich habe etwa zwei Stunden.

Mein Trainer Volker Eschweiler spannt und lädt die Luftdruckpistole, die er vorher auf meine Handgröße eingestellt hat mit einem Diabolo und reicht sie mir. Mit 1100 Gramm wiegt sie recht schwer in meiner Hand. Als ich den rechten Arm in Position habe, beginnt er zu zittern. Der Blick über Kimme und Korn auf die Scheibe wird irritiert durch den sich in kleinen Kreisen drehenden Lauf. Ich setze die Waffe wieder ab.

Zehn Meter entfernt sind die Scheiben, die nach dem Schuss durch einen Zugmechanismus herangeholt und betrachtet werden können. Die Luftdruckpistole wird über eine Klappe mit einem Diabolo geladen und gespannt. Die Waffee wird in einem Koffer sicher verwahrt (v.l.). FOTO: Moll Jürgen

Ein Sport, bei dem es darum geht, sich so wenig wie möglich zu bewegen, ist Neuland für mich. "Schie-

ßen macht einen ruhiger, konzentrierter im Job wie im Alltag", sagt Lange, der als Produktmanager bei einem Remscheider Maschinenhersteller arbeitet. "Wer allerdings vom Typ her schon sehr unruhig ist, der wird daran keine Freude haben." Das Angebot im Remscheider Schützenverein von 1816 mit seinen drei Schießständen ist breit: Bogen, Gewehr, Pistole, Luftdruckwaffen, Kleinkaliber. Wettkämpfe finden in Ligen oder als Meisterschaftsrunden statt, auf Vereins- Kreis- und Bezirksebene. Rund 200 Mitglieder hat der Verein, darunter sind etwa 80 aktive Sportschützen. Die Übergänge zu den Traditionsschützen sind fließend. Manche tragen den grünen Schützenrock, andere nicht. Rund 45 Prozent der Sportschützen sind Frauen. "Unsere erfolgreichsten Jugendlichen sind Mädels", sagt der Vorsitzende.

Zzzzzzzzzzipp! Einen Widerstand von gerade mal 500 Gramm muss mein gekrümmter Finger überwinden, dann löst sich der Schuss. Von den ersten zehn Schüssen verfehlen fünf die Scheibe. Mein Trainer bleibt geduldig und gibt mir Tipps zur Atemtechnik.

Wer erstmals an den Schießstand am Schützenplatz kommt, bekommt einen Bogen oder wie ich eine Luftdruckwaffe in die Hand. "Wer mit der Erwartung hier auftaucht, sofort mit einer scharfen Waffe zu schießen, wie er sie aus dem Fernsehen kennt, ist enttäuscht", sagt der Vorsitzende. Die Unsicherheit wächst, das Bedürfnis nach Sicherheit steigt, Zahl der Anträge auf eine Waffenbesitzkarte in den Polizeidienststellen schnellt nach oben.

Doch ist der Weg zum Waffenbesitz weit bei den Remscheider Schützen. "E-Mail Anfragen, was man denn tun muss, um eine Waffenbesitzkarte zu bekommen, werden von uns ablehnend beantwortet", sagt Lange. Wettkampfergebnisse werden genau protokolliert. Ein bis zwei Jahre könne es schon dauern, bevor der Verein einem neuen Mitglied das sportliche Bedürfnis nach einer Erlaubnis zum Waffenbesitz attestiere. "Ein sensibles Thema", sagt Lange. "Wir können nicht zulassen, dass die falschen Leute in den Verein kommen." Zudem sei eine den Wettkampf geeignete Sportwaffe erst ab etwa 1500 Euro zu haben.

Nach weiteren Tipps des Trainers treffe ich verlässlich die Scheibe. Von 17 Schüssen löchern immerhin zwei das Schwarze. Als ich die Luftdruckpistole zurück in den Koffer lege, zieht es im rechten Arm. Ich hätte Lust wiederzukommen.

Quelle: RP
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