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Remscheid
Nie schämen - nie verdrängen

Remscheid: Nie schämen - nie verdrängen
Hanna Frey kommt trotz ihrer Vergangenheit gerne nach Remscheid. FOTO: Jürgen Moll
Remscheid. Hanna Frey hatte eine Kindheit, die einem Alptraum gleicht. In ihrem Buch "Es konnte mich nicht zerstören" zeigt sie, wie sie ihrer schrecklichen Vergangenheit etwas Positives abgewinnt. Von Verena Kensbock

Ihre Geschichte sei nicht außergewöhnlich, sagt Hanna Frey. Es sei nur außergewöhnlich, dass sie öffentlich wird. Die heute 47-Jährige hat eine zerrissene Kindheit und Jugend hinter sich - zwischen Gewalt und Drogen, Kinderheim und Pflegefamilien. Wie hat sie es geschafft, dennoch ein normales Leben zu führen? Sie denkt nach, wählt ihre Worte mit Bedacht. Das Wichtigste sei, die Gedanken zuzulassen. Die Geschichte vom Hinterkopf nach vorne zu holen. Niemals verdrängen, niemals unter den Tisch kehren, niemals schämen.

Im Mai 1969 kommt Hanna Frey als jüngstes von sechs Geschwistern in Remscheid auf die Welt. Ihre Geburt, so fasst sie zusammen, bringt sie in eine Familie, die "von Elend, Gewalt, Dreck, Hunger und sexuellem Missbrauch" geprägt ist. Die Mutter ist tablettenabhängig, hat ständig wechselnde Männer. Der Vater trinkt, schlägt Hannas Geschwister und ihre Mutter. Als kleines Kind ist ihr nicht bewusst, in welchem Wahnsinn sie lebt. Für Hanna ist es Alltag. Irgendwann schaltet sich das Jugendamt ein. Hanna ist gerade sechs Jahre alt und kommt ins Kinderheim - hier beginnt die beste Zeit ihrer Kindheit. "Es gab immer Essen und frische Wäsche - ich wusste vorher nicht, wie frische Wäsche riecht." Stundenlang steht sie in der großen Waschküche des Heims und inhaliert den Duft. Eine der Erzieherinnen wird für sie wie eine Mutter. "Ich weiß ja nicht, wie es ist, eine richtige Mutter zu haben. Aber ich glaube, so fühlt es sich an."

Ihre leibliche Mutter kommt an dem Tag, als Hanna abgeholt wird, ins Krankenhaus, der Vater in eine Entzugsklinik. Kurze Zeit später stirbt die leibliche Mutter an Krebs und Hanna wird gegen ihren Willen in eine Pflegefamilie gebracht. Ihre Pflegeeltern sind streng religiös und hoffen, das Kind bald adoptieren zu können. "Von außen sah das toll aus: Ich hatte die Chance, in einer Familie aufzuwachsen. Man hat aber nicht bedacht, dass meine Erzieherin meine Familie war." Anfangs lebt sie sich gut ein, sehnt sich aber nach ihrer Erzieherin und ihrer älteren Schwester, die noch im Heim lebt. Der Kontakt mit ihnen wird ihr verboten. "Damals dachte man, man könnte bei Kindern die Vergangenheit löschen, indem man all ihre Verbindungen kappt."

Als die Adoptionspläne mehrmals scheitern - auch, weil Hanna das nicht will - wird das Leben in der Pflegefamilie zu einem Kampf. Hanna ist das schwarze Schaf, niemand will am Essenstisch neben ihr sitzen, sie ist immer Schuld, wenn es Probleme gibt. "Das hört sich vielleicht nach unwichtigen Kleinigkeiten an, aber mir ging es so ans Herz. Damit konnte ich nicht leben." Hin und her gerissen zwischen ihrem alten und neuen Leben, begeht sie mit 15 einen ersten Suizidversuch, schluckt alle Tabletten, die sie finden kann. Mit 16 rennt sie mit einem Messer in den Wald und will sich die Pulsadern aufschneiden. Ihre Pflegeeltern können sie rechtzeitig stoppen.

Als Hanna 17 ist, steht sie unangekündigt beim Jugendamt auf der Matte. Ihre Forderung: "Ich will weg aus der Pflegefamilie, sonst springe ich von der Brücke." Den Plan meint sie ernst, die Brücke hat sie sich schon ausgesucht. Doch sie wird weggeschickt, ihr Betreuer ist im Urlaub, sie soll doch bitte bis zur nächsten Woche warten. Die Eltern einer Schulfreundin helfen ihr und nehmen sie mit zu sich. So kommt Hanna zu ihren zweiten Pflegeeltern. "Ich kam aus einem Zuhause, in dem ich nichts durfte, in eines, in dem ich alles durfte. Ich hatte nie gelernt, mit Freiheit umzugehen." Schnell hat Hanna einen Freund und wird mit 19 schwanger. Die Fehler ihrer Eltern wiederholt sie aber nicht. "Als ich meinen Sohn im Arm gehalten habe, war das wie ein Erwachen." Psychologische Hilfe hatte die 47-Jährige nie, ihre Therapie waren ihre Kinder. "Sie haben mich gezwungen, in meine Vergangenheit zu schauen."

Heute hat Hanna Frey vier Kinder und lebt mit ihrem zweiten Mann in Wuppertal. Nach Remscheid kommt sie trotz allem gerne zurück, fährt manchmal sogar zu ihrem Elternhaus. Das macht ihr nichts aus, denn sie hat Abschied genommen von ihrer Vergangenheit: "Ich habe all meine Erlebnisse auf Zettel geschrieben: Gewalt, sexueller Missbrauch, Lieblosigkeit, Zerrissenheit, Angst. Diese Zettel habe ich in einer Schachtel im Wald vergraben." Heute hat sie eine neue Kiste - mit glücklichen Erinnerungen.

Quelle: RP
 
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