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Remscheid
Pflegefamilie kämpft um Rechte für René

Remscheid: Pflegefamilie kämpft um Rechte für René
René (21) ist durch ein Schütteltrauma als Säugling schwerstbehindert. Seine Pflegeeltern Marion und Axel Ternes kämpfen um bessere finanzielle Unterstützung für ihr Kind. FOTO: Jürgen Moll
Remscheid. Für den Schwerstbehinderten erhält Familie Ternes Pflegegeld, aber keine Leistungen nach dem Teilhabegesetz. Von Solveig Pudelski

Wenn Marion Ternes ihrem schwerstbehindertem Pflegekind René über den Kopf streicht und ihn leise scherzend anspricht mit "du Weiberheld", reagiert der 21-Jährige mit Geräuschen und lebhaftem Schaukeln in seinem Rollstuhl. Er freut sich über liebevolle Gesten und Worte. Dass seine Pflegeltern Sorgen und Ärger haben, bekommt er nicht mit.

Seit fast drei Jahren versuchen Marion und Dr. Axel Ternes, Teilhabeleistungen vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) zu erhalten. Vergeblich. Sie reichten Klage ein. Das Sozialgericht wies sie ab und folgte der Auffassung des LVR. Nicht er sei für die finanzielle Unterstützung zuständig, sondern die Stadt Remscheid. René habe im Übrigen nur Anspruch aus dem Bereich "Hilfen zur Pflege". Diese zahlt die Pflegekasse auch. Inzwischen versucht die Pflegefamilie, in zweiter Instanz vor dem Landessozialgericht das durchzusetzen, was ihr und auch anderen Pflegefamilien zustehe. Erst nach einigem Zögern gehen sie jetzt in die Öffentlichkeit.

Das Argument der Pflegefamilie wirkt nachvollziehbar: Für den enormen Aufwand, den sie für die notwendige 24-Stunden-Betreuung Renés betreibe, müssten ihr Leistungen nach dem Teilhabegesetz gewährt werden. Ein Hilfeplan, den die Beratungsstelle Kokobe in Remscheid (auf Empfehlung des LVR) erstellt hat, bestätigt, dass René mehr benötigt, als nur Pflege - nämlich Zuwendung, Beruhigung, Ansprache, Stimulation, Aktivitäten, Förderung körperliche Ressourcen - kurzum alles, was seine Lebensqualität als Behinderter erhöht. Und das ist für seine Familie aufwendig und auch kräftezehrend.

Wer das Schicksal Renés kennt, kann diesen Bedarf nachvollziehen. René ist offenbar als Folge eines Schütteltraumas als Säugling schwerstbehindert, blind und inkontinent, er sitzt im Rollstuhl. Er kann nicht essen, sondern wird über eine Sonde ernährt. Als er zehn Wochen alt war, nahm ihn die Familie Ternes wie ein eigenes Kind auf. Sie baute ein neues Eigenheim, das sie behindertengerecht gestalten ließ. Axel Ternes trat später als Arzt beruflich etwas kürzer, um seiner Frau bei der Betreuung zu helfen. Mit Spenden von BM-Lesern konnte René eine Defin-Therapie ermöglicht werden, die seine Entwicklung positiv förderte.

Ein Loch im Familienbudget trat auf, als René 18 Jahre alt wurde. Seither sei das Jugendamt nicht mehr zuständig, hieß es vonseiten der Stadt. Sofort wurden die Leistungen nach dem Jugendhilfegesetz (Eingliederungshilfe, Erziehungsbeitrag) gestrichen. Das waren zum Schluss rund 500 Euro, "obwohl Rene noch die Hilda-Heinemann-Schule besucht und aufgrund seiner Behinderung wie ein Kind ist", sagt Axel Ternes. Doch die Haltung der Stadt als finanzschwache Kommune kann er noch nachvollziehen. Immerhin finanziere sie jetzt fünf Stunden Freizeitbetreuung pro Woche für René. Axel Ternes: "Dafür sind wir dankbar."

Aber als geradezu skandalös empfindet es das Ehepaar, dass der LVR eine finanzielle Unterstützung verweigert, die Rene nach dem Teilhabegesetz und nach dem Sozialgesetz doch zustehe. "Er erhält eine Inklusion innerhalb einer Familie nach einem Goldstandard. Bei einer stationären Unterbringung in einem Heim, die viel mehr kosten würde, hätte er diese Form intensiver Betreuung nicht", sagt Axel Ternes. Aber niemals würde das Ehepaar René ihn ein Heim abschieben, sein Herz hängt an ihrem Schützling. "Er macht uns Freude. Solange wir es können, kümmern wir uns weiter", sagt der 65-Jährige. Außerdem gelte doch der Grundsatz ambulante vor stationärer Betreuung.

Aus Gesprächen mit Mitgliedern des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder weiß Axel Ternes, dass andere in einer ähnlichen Situation stecken und wie schwer es ist, Sonderreglungen für die individuelle Betreuung Behinderter bei überörtlichen Trägern durchzusetzen. In Deutschland gebe es allerdings nur rund 1000 Familien, die sich um behinderte Pflegekinder kümmern. Aber in Süddeutschland gewähre der überörtliche Sozialhilfeträger durchaus Leistungen nach dem Teilhabegesetz.

Der LVR argumentiert, er habe nach Recht und Gesetz gehandelt. Den Antrag der Pflegefamilie habe man an die Stadt Remscheid als örtlichen Sozialhilfeträger weitergeleitet. "Sie ist zuständig. Wir dürfen und können keine Unterstützung gewähren", sagt Michael Sturmberg, Pressereferent beim LVR.

Nur wenn René ein selbstständiges Wohnen wünsche, könne der LVR eine Eingliederungshilfe gewähren. Oder wenn eine stationäre Unterbringung erfolgen soll, wäre der LVR als überörtlicher Sozialhilfeträger zuständig. Das Sozialgericht habe diese Auffassung bestätigt, und die Stadt Remscheid habe ihre Zuständigkeit auch anerkannt. Nach Auffassung des LVR ist der Hilfeplan, den die Beratungsstelle Kokobe erstellt hat, kein Gutachten.

Quelle: RP
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