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Remscheid
Silke Avenhaus improvisiert bei Mozart

Remscheid. Die Bergischen Symphoniker präsentierten mit Glasunows sechster Sinfonie einen romantischen Powerriegel. Von Christian Peiseler

Die Pianistin Silke Avenhaus fühlt sich in der Partitur von Mozarts Klavierkonzert Nr.22 ganz zu Hause. Es handelt sich um das Konzert, mit dem sie ihre Karriere startete, als sie als junges Mädchen beim Rheingau-Festival für die Pianistin Elisabeth Leonskaja einsprang. Avenhaus kann sich in dieser Partitur sehr frei bewegen. Die von Mozart offen gehaltenen Stellen in der Komposition bieten Raum für Improvisation. Ein ungewöhnlicher Vorgang in einem klassischen Konzert. Mozarts Musik verpasste die Solistin des ersten Philharmonischen Konzerts in der neuen Saison der Bergischen Symphoniker aber kein Jazz-Gewand. Im Geiste spielerischer Leichtigkeit, die Mozart prägt, setzte sie einige formschöne Verzierungen, die sich in die Welt des Wohlklangs gut einpassten.

Avenhaus spielt Mozart kraftvoll und leichtfüßig zugleich. Ihre rechte Hand lässt die Töne perlen. Manchmal wechselt sie aus dem Modus des Schwebezustands zu einer robusten Bodenständigkeit. Ihr Spiel im Schlussdrittel des ersten Satzes strahlte große Präsenz aus, hinter der der Klang des Orchesters aber sehr verhangen wirkte. Nicht immer fanden Orchester und Pianistin zu einem gleichen Energielevel. Doch wenn das Orchester sich auf ein Kammerspielklang reduziert, und Avenhaus hellwach den Dialog mit Geige, Cello, Fagott und Kontrabass sucht, geht die Tür zu Mozarts Klangwelt weit auf.

Der Künstlerin Avenhaus wird das Publikum in dieser Saison noch mehrfach begegnen. Generalmusikdirektor Peter Kuhn hatte die charmante Idee, sie als "Artist in Residence" zu engagieren. Die Musikfreunde haben so die Möglichkeit, die Breite ihrer Ausdruckskraft und ihres Repertoires kennenzulernen. Sie sitzt beim 4. und 7. Philharmonischen Konzert, beim Festakt zur Deutschen Einheit und beim 5. Kammerkonzert wieder am Flügel.

Kuhn überschrieb das Konzert mit dem Gedichttitel "Seelige Sehnsucht" von Goethe. So könnte der Weckruf für alle Romantiker lauten. Wie frisch und kaum nebelverhangen die Suche nach der "Blauen Blume" klingen kann, zeigte Kuhn mit den filigranen Klängen von Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre aus "Ruy Blas". Ein Vollromantiker stand mit der sechsten Symphonie von Alexander Glasunow (1865-1936) auf dem Spielplan. Das Werk wirkt heute wie anspruchsvolle Pop-Musik, die ganz auf Herz und Gemüt der Zuhörer zielt. Die Celli legen zu Beginn einen samtenen Unterbau, an den sich die Violinen und Bratschen sanft anschmiegen. Weite Bögen in ein Niemandsland spannt Kuhn mit dem Orchester. Ihm gelingen kristallklare Übergänge. Mit einem Wimpernschlag fegen die Blechbläser die dunkle Melancholie aus der Partitur. Die Töne strahlen und glitzern, es funkelt, und scharfkantige Rhythmen nehmen zu. Im vierten Satz haben sie sich kurz zu einem mechanischen Wummern verwandelt. Alles wirkt perfekt verlinkt, fabelhaft meisterlich. Hinter dieser polierten Klangoberfläche stecken aber kaum Nachdenklichkeit oder Abgründe. Die Musik ergreift einen schnell, hinterlässt aber keinen tiefen Eindruck. So verlässt man zwar entspannt den Konzertsaal und freut sich auf Mahlers sechster Symphonie, die beim nächsten Konzert wahrscheinlich einen bleibenderen Eindruck hinterlassen wird. Von Glasunows romantischem Powerriege überwältigt, spendete das Publikum stehend Applaus.

Quelle: RP
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