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Radsport
Die Gürtelschnalle lindert den Schmerz

Radsport: Die Gürtelschnalle lindert den Schmerz
Steile Abfahrten in den Wäldern, eine von Schmerzen gekennzeichnete Zielankunft (links) und die pure Freude über viele tolle Erlebnisse kennzeichneten die Teilnahme vom Tom Schöler beim "BC Bike Race" in der kanadischen Provinz British Columbia an der Pazifik-Küste. FOTO: Privat
Remscheid. Radsport: "Adler" Tom Schöler fährt das "BC Bike Race" in Kanada - und kehrt mit Orberarm-Splitterbruch zurück. Von Michael In't Zandt und Henning Schlüter

Tom Schöler ist Mountainbiker und in dieser Funktion auch MTB-Fachwart des RV Adler Lüttringhausen. Er hat auf zwei Rädern unter anderem die Alpen überquert und an 24-Stunden-Rennen teilgenommen. Was dem Fahrer des Burscheider "Campana Radsport-Teams" von Sven Riedesel in seiner Sammlung fehlte, war ein Etappenrennen auf einem anderen Kontinent. Der blinde Fleck in der sportlichen Vita ist jetzt getilgt: Schöler nahm im kanadischen Vancouver am siebentägigen "British Columbia Bike Race" teil. Ein in vielerlei Hinsicht unvergessliches Erlebnis.

"Nach einer unglaublichen Woche mit traumhaften Landschaften, genialen Trails, einer super Stimmung und einer fantastischen Organisation kann ich nur jedem empfehlen, an diesem Rennen teilzunehmen", findet Schöler. Als er das sagte, kann er nicht ahnen, dass binnen viereinhalb Tagen sämtliche 622 Startplätze für 2016 schon vergeben wurden. Es existiert allerdings eine Warteliste . Eine sehr lange Warteliste.

Das Höhenprofil des Rennens erscheint erfahrenen Radsportlern nicht mal schwer, "aber die Vielzahl der Trails ziehen einem die Körner aus den Beinen", sagt Schöler: "Zudem ist der fahrtechnische Anspruch extrem hoch und mit nichts zu vergleichen", lautet Schölers schmerzhaftes Fazit. Denn zurück in der Heimat stellte sich heraus, dass er sich bei einem Sturz einen Splitterbruch des Oberarmknochens im Bereich der Schulter und eine angerissene Sehne zugezogen hat. Die Saison ist für Schöler gelaufen. "Aber das war es wert", betont er: "Für die Gürtelschnalle, die jeder Finisher bekommt, wäre ich die letzten Kilometer auch gelaufen."

Die erste Etappe startete in Cumberland auf Vancouver Island. Erste Hürde: Schon um neun Uhr morgens wurden 35 Grad Celsius gemessen. Erst über Forst- und Schotterstraßen, später über Stock, Stein und ungezählte Wurzeln führte die Strecke. Abenteuer inklusive. "Als erste Brücke wurden auf zwei Baumstämmen einfach etwa 20 Zentimeter breite Bretter genagelt", erinnert sich Schöler: "Kein Geländer, kein Fangzaun, und nebenan geht es vier Meter in die Tiefe. Augen zu und durch war das Motto."

Nach rund dreieinhalb Stunden und der Zielankunft ging es mit der Fähre zum zweiten Etappenort Powell River. Hier stand am nächsten Tag eine vergleichsweise entspannte Aufgabe an. Nach kurzer Einrollphase entlang des Meeres folgt eine scheinbar nicht enden wollende Achterbahnfahrt mit kleinen Anstiegen und Abfahrten. "Das Grinsen im Gesicht konnte man nicht vermeiden", sagt Schöler. Mehr noch: "Als dann noch Hula-Tänzerinnen die Fahrer anfeuerten und Getränke gereicht wurden, war die Stimmung im Fahrerfeld großartig."

Tag drei begann spektakulär. Wahlweise mit dem Wasserflugzeug oder einem Speedboat wurden die Fahrer zum Start in Earl´s Cove transportiert. "Das alleine war schon ein Erlebnis", findet Schöler. Die Etappe selbst gilt unter den erfahrenen Teilnehmern als "Horroretappe". Die Anstiege waren kurz und giftig, die Abfahrten anspruchsvoll. Zudem brannte die Sonne unbarmherzig vom Himmel. Aber nach knapp vier Stunden hatte Schöler auch diese Tortur absolviert.

Am Nationalfeiertag, dem "Canada Day", gab es erst die Nationalhymne und dann die 50 Kilometer lange vierte Etappe nach Langdale. Höhepunkt des Tages war für Schöler "definitiv der Bikepark mit meterhohen Anliegern und Bumps. Man verfällt teilweise in einen Rausch. Und ehe man sich versieht, spukt einen der Trail 200 Meter vorm Ziel aus und der nächste Tag ist rum."

Die sogenannten "North Shore Trails" der fünften Etappe haben bei Mountainbikern Kult-Status. Auch Schöler wird die steilen Anstiege und rasanten Downhill-Abfahrten nicht vergessen: "In einer steinigen Bergab-Passage habe ich mich versteuert, einen Salto über den Lenker gemacht und bin mit der Schulter auf blanken Fels gestürzt." In der nächsten Verpflegungsstelle wurde diagnostiziert: Schlüsselbein und Arm sind nicht gebrochen. Schöler biss die Zähne aufeinander und fuhr weiter. Das Adrenalin und ein, zwei Aspirin ließen den Schmerz fast vergessen. Aber der meldete sich in der Nacht mit Nachdruck zurück.

Tag sechs begann schmerzhaft. "Bei der morgendlichen Versuchsrunde vorm Frühstück konnte ich den Lenker kaum festhalten." Lösung: Die Schulter wird mit unzähligen Tapes fixiert, und nach einigen Kilometern gewöhnte sich der Körper an die widrigen Umstände. Schöler fuhr die Etappe trotzdem defensiv. "Ich versuchte, es weitestgehend zu genießen."

Am Schlusstag trennten den Adler-Fahrer "nur" noch 21 Kilometer vom Ziel und der Belohnung in Form der Gürtelschnalle. Im Wintersportort Whistler ging es zum Start, und die ersten Kilometer auf dem Rad verliefen problemlos. "Doch dann bekam ich im Trail einen Schlag auf die Schulter und musste erneut vom Rad." Kurzentschlossen trug Schöler sein Bike die nächsten zwei Kilometer über den Trail und versuchte, die Schulter zu entspannen. "Die mitfahrenden Sanitäter wollten schon meine Abholung organisieren, aber dann bin ich wieder aufs Rad gestiegen. Die letzten Kilometer waren zum Glück glatte, ziemlich ausgefahrene Trails, so dass ich doch relativ unbeschadet und glücklich das Ziel erreicht habe."

23.24 Stunden benötigte Schöler für die insgesamt 320 Kilometer und rund 10 000 Höhenmeter. Das bedeutete für ihn trotz der Verletzung den 147. Platz unter über 600 Startern. Ein tolles Ergebnis und eine tolle Erfahrung in einem fantastischen Rennen, aber die schönste Erinnerung trägt Tom Schöler künftig um den Bauch: Die Gürtelschnalle, die der bekommt, wer es beim "British Columbia Bike Race" ins Ziel geschafft hat. Notfalls auch mit einem einen Splitterbruch des Oberarmknochens.

Quelle: RP
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