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Leichtathletik
Döner-Fantasien, oder: Was willst Du sein? Das war der 15. Röntgenlauf

Remscheid. BM-Mitarbeiter Marko Plesnik startete gestern beim Röntgenlauf im Marathon, entschloss sich dann aber spontan, einfach weiterzulaufen. Was er im Ultra erlebte, schreibt er hier.

Nach neun Jahren Abstinenz laufe ich jetzt also wieder den Röntgenlauf-Marathon. 42 Kilometer, 835 Höhenmeter - das ist doch ein Klacks, würde vermutlich Scott Jurek denken. Jurek ist einer der besten Ultra-Marathon-Läufer und in gewisser Weise Schuld, dass ich jetzt, am frühen Sonntagmorgen mit einer 4000er Startnummer in Hackenberg stehe. Seitdem ich im Sommer seine Biografie gelesen habe, laufe ich wie entfesselt: Doppelte Kilometerumfänge mit doppelter Freude. Da lag es nahe, doch noch mal beim Marathon anzutreten.

Auf den ersten Blick hat sich beim Röntgenlauf in fast einem Jahrzehnt gar nicht viel verändert. Noch immer stehen die Remscheider Lauf-Asse Daniel Schmidt und Arnd Bader in der ersten Startreihe und natürlich ist auch wieder "Miss Röntgenlauf", Inge Raabe, dabei.

Nach dem ersten Verpflegungsstand bei der Hofschaft Halle laufe ich in einer Vierergruppe. Einer der Läufer leidet deutlich vernehmbar unter Flatulenzen. Der Übeltäter grinst, die anderen Läufer tun so, als hätten sich nichts gehört. Unweigerlich fällt mir der Film mit Louis de Funes und seinen außerirdischen Kohlköpfen ein. Vielleicht hat der Blähende die gleichen Bilder vor Augen, jedenfalls lässt er seine Mitläufer nun an einem viertonigen Fanfarenstoß teilhaben. Der Läufer hinter ihm hat genug: "Ich hau' dir gleich ein paar vorn Kopp, dann ist hier Schluss für dich." Der Übeltäter tut so, als hätte er nichts gehört, die anderen Läufer grinsen.

Im Halbmarathonziel ist wie immer die Hölle los. Die knapp 2000 Halbmarathonis haben es geschafft, für die anderen Läufer wird es jetzt ruhiger auf der Strecke. Ich höre meine Schritte im Herbstlaub. Irgendwann erhebt sich vor mir die Müngstener Brücke. Ich bin sicher, Scott Jurek würde der Röntgenlauf gefallen.

Bei mir läuft alles nach Plan. Die letzten Anstiege haben zwar ordentlich reingehauen, aber alles in allem bin ich noch gut dabei. In meinem Kopf drängt sich ein Gedanke immer mehr in den Vordergrund: Lauf im Marathonziel weiter! Ich wäge das Für und Wider ab, bis ich selbst lachen muss. Die Entscheidung ist längst gefallen und hat nichts mit Vernunft oder Logik zu tun. Scott würde sagen: "Manchmal muss man es einfach tun." Ein Spruch von seinem Vater, der für ihn zum Mantra wurde.

Am Verpflegungsstand im Freibad Eschbachtal bleibe ich kurz stehen, genehmige mir einen Becher Iso und gebe mir ein Versprechen: Egal, was die kommenden 21 Kilometer mit mir machen - wenn ich es bis nach Hackenberg schaffe, nehme ich mir Inge Raabe zum Vorbild und laufe lächelnd ins Ziel.

Zehn Kilometer später bin ich am Ende. Seit einer halben Stunde erbreche ich alles, was ich zu mir nehme, sofort wieder. Ich habe Kinderschokoladen- und Döner-Fantasien. Ich brauche dringend Kalorien. Bei jedem Schritt werden mir Messer in die Oberschenkel gerammt, jedenfalls fühlt es sich so an. Am Verpflegungsstand versuche ich es noch einmal mit einer Cola. Anstatt weiterzulaufen, bleibt mein Körper stehen. Meine Beine freuen sich, die Schmerzen schwinden sofort. Es fühlt sich gut an. Warum höre ich nicht einfach auf? In 15 Minuten würde ich unter der heißen Dusche stehen. Plötzlich fällt mir Dusty Olson ein, Scott Jureks Tempomacher und Motivator. Ich weiß genau, was Dusty jetzt sagen würde: "Reiss dich zusammen und beweg deinen Hintern. Was willst du sein? Ein Ultra-Marathon-Finisher? Oder eine heulende Mimose? Denk nicht an die zehn Kilometer nach Hackenberg. Konzentriere dich auf den Augenblick. Mach den ersten Schritt. Dein Ziel ist der Baum da vorne, dann der nächste Baum, dann die Verpflegungsstelle... ."

Eine Ewigkeit später höre ich in der Ferne Streckensprecher Andreas Menz und sehe ein Stück vom Zielbogen. Jetzt geht es nur noch bergab. Noch einmal links rum, vorbei an der Hilde-Heinemann-Schule, die letzte Rechtskurve, dann habe ich das Ziel vor Augen.

Vergiss Inge nicht, höre ich mich denken. Noch 20 Meter. Jetzt kann nichts mehr passieren. Ich lege den Kopf in den Nacken, schließe die Augen - und lächle.

Quelle: RP
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