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Remscheid
Stolpersteine erinnern an Remscheider

Remscheid. Ihre Homosexualität brachte drei Männer ins Konzentrationslager. Verein recherchierte ihr Schicksal. Von Anna Mazzalupi

Lange bliebt die Portraitkarte in der Kiste unentdeckt, sie war niemandem wirklich zugeordnet. In der Familie wurde auch nie über die Person auf dem Bild gesprochen.

Bald wird ein Stolperstein an den gebürtigen Remscheider Alfred August Sigismund erinnern. Sigismund starb 1943 im Alter von 41 Jahren im KZ Neuengamme bei Hamburg. Dorthin wurde er gebracht, weil er wegen "homosexueller Kontakte" verhaftet und verurteilt wurde. Er ist eines von drei homosexuellen Remscheider Opfern des Nazi-Regimes, derer nun mit der Stolpersteinverlegung gedacht wird.

Die drei Biographien hat Jürgen Wenke vom Bochumer Verein "Rosa Strippe" recherchiert. Angefangen hat alles mit Max Penz auf der Namensliste aus dem KZ Sachsenhausen, wo er 1942 Opfer einer gezielten Mordaktion gegen Homosexuelle wurde. Bei der Suche nach weiteren Daten stieß Wenke im Stadtarchiv Remscheid auf die Wiedergutmachungsakten von Sigismund und Hans Hagen.

Er nahm Kontakt zu Sigismunds Großneffen Udo Sigismund (60) auf. Dieser dachte erst an eine Verwechslung. Schließlich habe er noch nie von einem Großonkel namens Alfred gehört. Auch die angeheirateten, noch lebenden Tanten wussten nichts davon.

"Ein erster Anruf kam von einer Bekannten, die in der Stadtverwaltung tätig ist und zufällig von Recherchen im Stadtarchiv nach einem Alfred Sigismund mit unserer Anschrift als letzte Meldeadresse gehört hatte", erzählt der Großneffe. Seine Vermutung: Alfred war das schwarze Schaf der Familie.

Nach einem Telefonat mit Wenke stieg bei Sigismund und seiner Frau Martina (50) das Interesse an der eigenen Familiengeschichte. In Kisten und Dosen von Sigismunds verstorbener Mutter suchten sie nach alten Schwarz-Weiß-Bildern und wurden mit einer Art Porträtkarte und einem Bild mit allen Geschwistern inklusive Alfred fündig. "Uns hat erstaunt, wie tief Herr Wenke in unsere Familiengeschichte vorgedrungen ist. Das hat uns angespornt, ebenfalls in die Recherche einzusteigen", merkt Sigismund an. In der Zwischenzeit haben sie zwei weitere Schwestern des Großvaters ausmachen können.

Alfred Sigismund war gelernter Dreher, heuerte aber wegen Arbeitslosigkeit 1930 als Koch auf einem holländischen Schiff an. In Belgien heiratete er 1933. Die Tante kannte Udo Sigismund sogar als Kind. Noch lange vor der Geburt seines Sohnes Henri 1934 trennte sich Alfred von seiner Frau. 1937 wurde er verhaftet. Der Grund: "wiederholt wechselseitige Onanie" mit mehreren Auszubildenden in der Firma Kamm, bei der er als gelernter Dreher Arbeit fand. Nach fünf Jahren Zuchthaus wurde er ins KZ Sachsenhausen deportiert und schließlich ins KZ Neuengamme.

Über Max Penz ist nicht viel bekannt. Er starb im Alter von 43 Jahren durch "Kopfschuss bei Fluchtversuch". Der Lüttringhauser Hans Hagen starb 1941 mit 36 Jahren ebenfalls im KZ Sachsenhausen. Er wurde wegen homosexueller Kontakte 1939 verurteilt.

Die Pflege des Stolpersteins ist für Udo und Martina Sigismund selbstverständlich. Über ihn werden sie bald tagtäglich "stolpern" und an ein Stück Familiengeschichte erinnert.

Quelle: RP
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