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Remscheid
Tempowechsel ganz ohne Sicherheitsgurt

Remscheid. Die Bergischen Symphoniker spielten zwischenzeitlich mit zehn Schlagzeugern. Beeindruckend die japanische Komposition. Von Gisela Schmoeckel

Wie ein "Gärtner im Garten der Musik" fühlte sich der japanische Komponist Toru Takemitsu (1930-1996). Im Rückblick auf das spannende, sehr gut besuchte Philharmonische Konzert der Bergischen Symphoniker wird das Bild eines umfriedeten, von wunderschönen und auch bizarren Klängen und Rhythmen geprägte erste Werk des Abends tatsächlich zu einem farbenfrohen Garten. Takemitsu, der bedeutendste japanische Komponist der Moderne, lässt in seinem Stück "From me flows what you call time" Instrumente, wie die beginnende Soloflöte, erblühen wie seltene Blume. Vor allem aber die so unterschiedlichen Farben der Percussion-Instrumente lassen Inseln faszinierender Fremdheit und Schönheit entstehen. Die fünf Schlagzeuger der Time Percussion Group, grandiose Artisten ihres Fachs und ihrer Orchester, inszenierten ihre Parts wie Rituale.

Mit leise angeschlagenen Zimbeln kommen sie aus dem Zuhörerraum in das sinfonische Spiel des Orchesters hinein, um ihre Instrumentenplätze an den Ecken und an der oberen Bühne einzunehmen. Immer stärker bestimmen sie nun den Fortgang der Musik. Sie drängen sich in die Musik der anderen, spielen sich Rhythmen zu wie Bälle, verändern das Tempo, die Farben, mit sanfter und unbesiegbarer Stärke.

Die Zeit fließt langsamer, spannungsvoller. Die Percussioninstrumente aller Erdteile begegnen uns. Im Musikstrom dirigiert Generalmusikdirektor Peter Kuhn das Orchester mit bewunderungswürdiger Einfühlung.

Trotz des tief schwermütigen c-Molls machte auch Mozarts Klavierkonzert Nr. 24, das Silke Avenhaus, in dieser Saison Pianistin in Residence, in wundervoller Korrespondenz mit dem Orchester anrührend spielte. Herzklopfen machen ihre Einsätze, die Atem holen lassen, ihr Spiel der ganz leicht gedehnten Punktierungen, ihre rasenden, doch immer von warm rollendem Klang geprägten Kaskadenläufe und ihre dramatischen Kadenzen.

Besonders gut arbeiten Orchester und Solistin die verschiedenen Charaktere des Musikstroms aus. Ins Orchesterspiel des letzten Satzes mit fragmentarischen Erinnerungen an volkstümliche Weisen erhebt sich die Stimme des Pianos mit ausformender Energie. Silke Avenhaus spielte Mendelssohns Gondellied als fein schwelgende Zugabe.

Mit dem Ruf "Schnallen Sie sich an" rüttelte Generalmusikdirektor Peter Kuhn sein Publikum nach der Pause auf. Er bereitete die Zuhörer mit ein paar Erläuterungen auf die "höllische" Musik der Kriegs- und Nachkriegszeit in der 6. Symphonie des fast vergessenen Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) vor.

Erschütternd wirkten die brutalen Rhythmen und grau verdunkelnden Farben, die sich wie eine unbesiegbare Bedrohung über die warm leuchtende Sinfonik legten. Vor allem in der dramatischen Fuge des zweiten Satzes, angeführt vom schnellen Spiel der Bratschen, wirkte die Musik bedrohlich. Die Rhythmen der zehn Percussionspieler schlagen schmerzhafte Widerhaken. Assoziationen hastig strömender Flucht stellten sich ein, verfolgt und überdröhnt von Kriegsgewalt und später von den Ovationen des Publikums.

Quelle: RP
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