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Remscheid
Tod von 71 Gefangenen bleibt ungesühnt

Remscheid. "In letzter Minute" - Buch beleuchtet Nazi-Verbrechen in der Endphase des Krieges. Autorin auf der Spur der schulhaften Verstrickung ihres Vaters. Historiker beschreibt neue Archivfunde. Von Bernd Geisler

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Kreisverband Remscheid (VVN-BdA) hatte zur Vorstellung des Buches "In letzter Minute" über Nationalsozialistische Endphaseverbrechen im Bergischen Land geladen. Es ist ein Sachbuch für Leser, die sich über nationalsozialistische Verbrechen kurz vor Kriegsende in der Region informieren wollen. Die Massaker im Burgholz und am Wenzelnberg spielen hierbei die größte Rolle. Die Autoren sind Lieselotte Bhatia und Stephan Stracke.

Lieselotte Bhatia ist die Tochter des Kriminalsekretärs Wilhelm Ober, der als Mitglied der Wuppertaler Kriminalpolizei an den Erschießungen von 30 sowjetischen Zwangsarbeitern im Burgholz in Wuppertal beteiligt war. Ein britisches Gericht verurteilte ihn 1948 zu zehn Jahren Haft. Seine Tochter erfuhr erst nach dem Tod ihres Vaters davon und berichtet in dem Buch über ihre ganz persönliche Recherche zu den Hintergründen des Burgholz-Massakers.

Leider war sie bei der Buchvorstellung verhindert. So konnte der Historiker Stephan Stracke sich mehr Zeit lassen, um die über 20 Besucher im Foyer der Stadtbibliothek über die aktuellen Ergebnisse seiner Recherchen zu informieren.

Er hatte sich anhand neuer Archivfunde in die historischen Details um das Massaker an der Wenzelnbergschlucht hineingekniet. Sie liegt westlich von Solingen auf Langenfelder Gebiet. Dort ermordeten Angehörige der Gestapo, Kripo und Schutzpolizei 71 Gefangene aus dem Zuchthaus Lüttringhausen, dem Gefängnis Wuppertal-Bendahl und dem Polizeigefängnis Wuppertal.

Ausführlich erläuterte der Autor dabei der Rolle des Lüttringhauser Zuchthausdirektors Karl Engelhardt. Er galt vornehmlich als "Retter" vieler Gefangenen, die er nicht der Gestapo überstellte, damit sie noch kurz vor Kriegsende erschossen werden. Dabei entschied er über Leben und Tod der Häftlinge augenscheinlich nach Gutdünken.

Stracke bekam nach Veröffentlichung des Buches noch eine handschriftliche Liste, in der Engelhardt einzelne Gefangene im Nazi-Jargon ("triebhafter Gewohnheitsverbrecher") abwertete. "Die Veröffentlichung dieser Liste kann man den Angehörigen der Gefangenen nicht zumuten", sagte Stracke. Es fällt auf, dass sich unter den Erschossenen kein Kommunist aus der Region befand, gleichwohl aber aus dem Ruhrgebiet. Ein Hinweis auf soziale Netze?

Sehr spannend schilderte Stracke auch das Schicksal des angeblichen Haupttäters Theodor Goeke. Ist er wirklich verschwunden oder liegt seine Leiche irgendwo im Sauerland? "Vielleicht müssen wir uns damit noch beschäftigen", sagte Stracke. "Keiner der Täter vom Wenzelnberg wurde jemals bestraft."

Das Buch Lieselotte Bhatia und Stephan Stracke: In letzter Minute. Erschienen im De Noantri Verlag ISBN: 978-3-943643-03-9 - 320 Seiten - 18 Euro.

Quelle: RP
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