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Remscheid
Über Lieder, die die Seele berühren

Remscheid. Der Sänger Jay Alexander gestaltet mit einem Ensemble ein Benefizkonzert zugunsten des Christlichen Hospizes.

Der Tenor Jay Alexander unterbricht seine Tournee, um in Lüttringhausen ein Benefizkonzert zu geben. Der Reinerlös geht an den Förderverein Christliches Hospiz Bergisches Land. Initiator und Sponsor dieses ungewöhnlichen Konzerts ist der Remscheider Unternehmer Wilhelm de Blois, der mit dem Künstler seit Jahren befreundet ist. Begleitet wird der Sänger von Adrian Werum (Klavier, Harmonium), Klaus Jäckle (Gitarre), Andreas Geyer (Flöte, Klarinette) und Anna Lenda (Cello). Die BM sprach mit dem zweifachen Gewinner der Klassik Charts wenige Tage vor dem Livekonzert, in dem er unter dem Titel "Geh' aus mein Herz" Gesangbuchlieder vorträgt.

Herr Alexander, haben Sie schon in der evangelischen Kirche Lüttringhausen, wo Sie am Sonntag auftreten, Probe gesungen oder prüfen Sie erst kurz vorher die Kirchenakustik ?

Alexander Nein, das ist meistens nicht notwendig. Die Gotteshäuser sind so gebaut, dass man auf ein Mikrophon verzichten kann. Ich singe also ohne. Wir werden mit der gegebenen Akustik klar kommen und dort wunderbare Töne zaubern können. Allerdings wird die Moderation, das gesprochene Wort, über ein Mikrophon erfolgen.

Sie leben nicht in dieser Region. Dennoch stellen Sie Ihr Können in den Dienst der guten Sache, nämlich der weiteren Spendensammlung für das Christliche Hospiz Bergisches Land. Was hat Sie dazu bewogen?

Alexander Mir liegt soziale Arbeit sehr am Herzen. Nicht erst seit ich 2005 für die Deutsche Welthungerhilfe im Sudan war und dort ein Flüchtlingscamp besucht habe. Ich habe mir immer schon Gedanken darüber gemacht, wie ich helfen kann. Es wurde mir mit der Erziehung mit auf den Weg gegeben, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir das Glück haben, gesund sein und in einem Wohlstand leben zu dürfen. Das ist nicht selbstverständlich. Dies muss einem immer wieder bewusst sein. Ich sitze ja als Botschafter für die "Familienherberge Lebensweg" (Anmerk. der Red.: eine Herberge, in denen unheilbar kranke Kinder zur Entlastung der Eltern fachlich betreut werden) am Puls der Not dieser Menschen, die mit einem kranken Kind oft einen 24 Stundentag haben. Ich weiß, was es für die Menschen bedeutet, nicht allein gelassen zu werden, sondern jemanden zu haben, auf den man sich verlassen kann. Es ist mir und meiner Frau sehr wichtig, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen. Als Herr de Blois mir erzählte, dass es in Remscheid ein ähnliches Projekt gibt, habe ich gesagt: "Lass uns da doch mal etwas auf die Beine stellen". Wenn man nichts tut, erlischt das kleine Flämmchen, es kann kein Feuer entstehen. Wir wollen aber, dass viele Menschen von dem Projekt Christliches Hospiz erfahren, und dass für die gute Sache etwas Geld zusammenkommt.

Haben Sie schon einmal einen Sterbenskranken in einem Hospiz besucht und begleitet?

Alexander Nicht in einem Hospiz, aber zu Hause. Es ist noch nicht so lange her, dass ein Freund schwer an Krebs erkrankte. Drei Jahre Lebenszeit hatten die Ärzte ihm in Aussicht gestellt, am Ende waren es vier. In den letzten Wochen habe ich ihn täglich besucht und mich mit ihm ausgetauscht. Die Erfahrung, die ich dabei gemacht habe, war, dass ich ihm das Gefühl geben konnte, nicht allein zu sein, nicht alleine sterben zu müssen und dass jemand in der Nähe ist. Ich habe gespürt, dass das ganz wichtig war. Auf der einen Seite ist man traurig, auf der anderen Seite spürt man, dass es dem anderen gut tut, wenn man seine Hand hält. Auch wenn diese Menschen schwach sind und manchmal wegdämmern, spüren sie durch die Vibration der Stimme, dass sie nicht allein sind. Dies ist ein Gefühl der Geborgenheit, das auch ein Hospiz vermitteln kann. Es ist ein Ort der Geborgenheit.

Würden Sie sich als gläubigen Menschen bezeichnen, der in der Kirche Halt fürs Leben findet?

Alexander Ich bin ein gläubiger Mensch. Als Kind bin evangelisch-methodistisch erzogen worden - mit Sonntagsschule, Jungschar und Posaunenchor, welcher mir allerdings nicht so viel Freude gemacht hat, aber die Liebe zu den Liedern war sofort geweckt. Wenn ich heute eine gute Predigt höre - ich bin da allerdings sehr anspruchsvoll -, dann ist das so, als ob ich meinen Benzintank gefüllt habe und eine Woche damit fahre. Allerdings muss die Predigt mir wirklich etwas geben, sie muss mich berühren, erreichen. Die Kirche als Räumlichkeit trägt ihren Teil dazu bei. Ich möchte mich darin wohl fühlen, es sollte eine gute Energie im Raum sein. Die Kirche ist eine wichtige Institution - vor allem für Menschen, die keine Familie haben oder in Not geraten sind. Es ist ein Ort, zu dem ich mich hinflüchten kann. Auch hier spielt Geborgenheit eine Rolle. Immer wieder mal habe ich mich von der Institution Kirche gelöst und dann wieder zurückgefunden. Es ist Aufgabe des Glaubens, dass man sich mit ihm auseinandersetzt und so wieder einen neuen Weg zum christlichen Glauben findet.

Sie haben den Mut, ein ganzes Programm mit Gesangbuchliedern zu bestreiten. Warum verzichten Sie auf andere Werke wie Auszüge aus Opern oder Operetten? Was zeichnet diese Lieder in Ihren Ohren aus?

Alexander Es gehört kein Mut dazu. Überlegen Sie mal, wie lange es diese Lieder schon gibt. Sie haben eine Aussage. Die Texte haben mich schon als kleiner Junge gepackt. Es geht darin um Liebe, auch Romantik oder sogar um kriegerische Szenen. Die Begleitmusik hat dies aber für mich nicht widergespiegelt. Ich habe es immer schon dramatischer gehört, liebevoller, zärtlicher. Und endlich konnte ich es mit dem Album "Geh' aus mein Herz" - das zweimal auf Platz 1 der Klassik Charts war und in den Jahresend-Charts 2015 zwischen Lang Lang und Anne Sophie Mutter auf Platz fünf lag - ausdrücken. Es zeigt doch, dass man es mit vermeintlich langweiligen Kirchenliedern so weit schafft. Die Menschen sind mit dem Liedgut aufgewachsen, sie kennen die Lieder in und auswendig. Sie sind im Gedächtnis so verankert wie das Vaterunser. Ich mische sie nicht mit Bach oder Mendelsohn-Bartholdy, weil die Lieder für sich stehen. Sie sind Aussage genug. Es ist faszinierend für mich, dass diese Lieder so alt sind, aber man sie immer noch hört, singt und spielt, allerdings mit einer ganz anderen Begleitmusik.

Was sollte man als Sänger bei der Interpretation solcher Lieder besonders beachten? Sie sollen ja nicht kitschig wirken.

Alexander Es ist anspruchsvoll, aber egal, was Sie tun, Sie sollten es authentisch tun, Sie müssen es von ganzem Herzen tun und Freude daran haben. Eigentlich tue ich nur das, was ich gelernt habe. Das ist zum einen die Technik des Gesangs, das Singen ohne Mikrophon, zum anderen mein Gefühl dabei, weil ich mit diesen Liedern spezielle Bilder der Erinnerungen verknüpfe. Es sind teilweise Lieder, die ich als Junge zum ersten Mal auswendig gelernt habe. Wenn ich singe, so ist es nichts Konstruiertes, um zu gefallen, sondern ist nur eine logische Schlussfolgerung dessen, was mir auf der Seele brannte, wofür mein Herz immer geglüht hat. Jetzt kann ich die Lieder endlich so interpretieren, wie ich sie immer schon in mir gehört habe.

SOLVEIG PUDELSKI FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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