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Ansichtssache
Überfürsorge lähmt die Entwicklung der eigenen Kräfte

Remscheid. Die optimistische Perspektive des städtischen Werbefilms trifft auf einen eher ernüchternden Ausschnitt der Lebenswirklichkeit des Nachwuchses.

Nehmen wir mal für einen Moment die Botschaft des gerade frisch ins Netz gestellten Werbefilms über die Situation der Kindertagesstätten in Remscheid ernst, könnte man sich mit einem Lächeln zurücklehnen und sagen: Läuft doch alles super in dieser Stadt. Kinder haben Vorrang. Kinder werden individuell gefördert, ihre Stärken gestärkt und ihre Schwächen verkleinert. Plätze gibt es bald genügend. Ein Werbefilm über Grundschulen und weiterführende Schulen, wenn es ihn denn gäbe, würde eine ähnliche Botschaft vermitteln wollen und im Abspann auf das allumfassende Programm von "Kein Abschluss ohne Anschluss" münden.

Doch die optimistische Perspektive der Werbefilme trifft auf einen eher ernüchternden Ausschnitt der Lebenswirklichkeit des so umhegten Nachwuchses. Die Fähigkeiten im Lesen und Rechnen bei Grundschülern nehmen ab, die Lust, nach der zehnten Klasse eine Berufsausbildung zu beginnen, scheint bei mehr als Zweidrittel der Schüler nicht zu zünden - obwohl es aus vielerlei Hinsicht Sinn ergeben würde. Die aktuellen Jahrgänge haben zurzeit die besten Möglichkeiten, eine attraktive Lehrstelle zu besetzen. Es gibt mehr Angebote als Nachfrage. Zudem scheint die Berufswahl seit einiger Zeit ein eigenes Fach geworden zu sein. So viele Angebote und Initiativen gibt es inzwischen in den Schulen. Doch die Jugend reagiert nicht so, wie es sich die Wirtschaft und Teile der Gesellschaft wünschen. Irgendetwas läuft vielleicht schief in diesem ausgedehnten System des betreuten Lernens. Die Ursachen für eine diagnostizierte Ausbildungsängstlichkeit und Orientierungslosigkeit nach dem Schulabschluss sind komplexer Natur und individuell verschieden. Aber es ist schon einigermaßen erschreckend, wenn bei immer mehr Schülern es nicht nur an der Leistungsstärke fehlt, sondern an der grundsätzlichen Motivation, sein Leben in die Hand zu nehmen und selbst zu gestalten. Trotz aller Schulsozialarbeit und trotz Angeboten wie einer assistierten Berufsvorbereitung. Vielleicht lähmt auch eine Überfürsorge und Überinformation die Entfaltung eigener Kräfte. Für die Diskrepanz zwischen einer gut aufgestellten Kinder-, Schul- und Ausbildungslandschaft und dem Mangel an Menschen, die nach der Mittleren Reife gerne eine Lehre beginnen wollen, gibt es keine einfache Lösung. Die Förderinstrumente bedürfen aber einer Überprüfung. Sie wirken nicht so, wie gewünscht.

Quelle: RP
 
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