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Remscheid
Vom Lehrling bis in die Vorstandsetage

Remscheid. Zum Jahresende verlässt Ulrich Gräfe (62) den Vorstand der Stadtsparkasse Remscheid. 46 Jahre hat er in dem Institut gearbeitet. Es war eine gute Zeit. Von Christian Peiseler

Einen Werdegang wie den von Ulrich Gräfe, Vorstand der Stadtsparkasse Remscheid, wird es im Bankgeschäft künftig wohl immer seltener geben. Er spiegelt eine Karriere, die in der kleinen Bonner Bundesrepublik begann und in Zeiten der tiefsten Krise Europas endet. Er ist geprägt von Stetigkeit und stetiger Veränderung. Gräfe formuliert es in seiner klaren Art: "Ich habe bei der Sparkasse immer wieder Entwicklungsmöglichkeiten gefunden." Er machte seinen Weg von der Lehre als Bankkaufmann bis hin in die Vorstandsetage. Zusammen mit 36 Lehrlingen startete er am 1. Septemer 1969 seine Ausbildung. Einer von den "Jungs und Mädels" von damals ist heute noch Angestellter der Sparkasse. Zum Ende des Jahres geht Gräfe (62) in Rente.

"Der Junge wird nicht im Blaumann arbeiten." Die Worte seines Vaters haben gewirkt, auch wenn sie so nicht direkt an ihn gerichtet waren. Die Familie hatte den Eindruck, er arbeite besser als Büromensch denn als Handwerker. Die Welt der Zahlen bereitete dem 16-jährige Realschüler keine Probleme. Und er besaß wohl früh schon eine Eigenschaft, die ihm viele Türen öffnete. Er hatte immer Lust auf Neues, immer Spaß daran, sich in unbekannte Gebiete einzuarbeiten. Und immer so gut und so vertieft, dass er die Karriereleiter nach oben kletterte.

Als Gräfe bei der Sparkasse anfing, Ende der 60er Jahre, da begannen gerade die Remscheider Firmen, ihre Lohnzahlungen umzustellen, Nicht mehr bar in der Lohntüte, sondern als Überweisung aufs Girokonto. Bilanzen korrigierte Gräfe mit Radiergummi und übertrug die neuen Zahlen mit Bleistift in Listen. Und Briefe tippte er auf einer mechanischen Schreibmaschine. Ein Tippfehler - und die ganze Matritze landete im Papierkorb.

Es war eine Zeit, in der die Bürger zur Bank kamen. Sie brauchten Beratungen, was denn zum Beispiel mit der vermögenswirksamen Leistungen von 18 Mark im Monat zu tun sei. "Heute müssen wir zu den Kunden gehen, und vorschlagen, worüber man mal reden könnte", beschreibt Gräfe den Wandel. Und natürlich ist der bürokratische Aufwand und die Nachweispflicht für Vieles enorm gestiegen, was Gräfe nicht unbedingt als Fortschritt sieht. Zinssätze, wie sie heute herrschen, hat er in seinen Berufsjahren nie zuvor erlebt. "Für ein Prozent Zinsen sind wir doch früher nicht aufgestanden", sagt er. Er befürchtet, dass es für die Kreditinstitute schwierig wird, in den nächsten Jahren Geld zu verdienen. Die niedrigen Zinsen zerstören auch die Idee des guten alten Sparbuchs. "Mit den Zinssätzen kann ich keinen Jugendlichen davon überzeugen, etwas von seinem Taschengeld zurückzulegen", sagt Gräfe.

Die Leute geben ihr Geld aus. Rücklagen, Altersvorsorge, vieles wird in den Konsum gesteckt. Gräfe schüttelt den Kopf, wenn er in die Listen schaut, wer welche langfristigen Verträge kündigt. "Da kommt Altersarmut auf uns zu", prognostiziert der Banker. Als Abteilungsdirektor und als Vorstand von 300 Mitarbeitern trug Gräfe auch Verantwortung fürs Personal. Er kann im Vier-Augen-Gespräch klare Worte finden. Wer Mist baut, dem wird gezeigt, wo der richtige Weg ist. "Aber so richtig böse Geschichten habe ich nicht erlebt", sagt Gräfe.

Ein Schicksaalsschlag hat das Leben von Ulrich Gräfe in ein tiefes Tal des Schmerzes, der Trauer und der Anstrengung gestürzt. Seine Frau starb 2000. Da stand er plötzlich alleine da mit seinen zwei Kindern. Sein Sohn war gerade zwei Jahre alt. Als alleinerziehender Vater musste er sich durchkämpfen. Nächstes Jahr macht sein Sohn Abitur. Dann beginnt für ihn endgültig die große Zeit der Freiheit. Er möchte einfach mal irgendwo sitzen, auf eine schöne Landschaft schauen, eine Tasse Kaffee trinken und eine Zeitung in Ruhe lesen - ohne Termindruck im Rücken. Er möchte selbst bestimmen, wann er diesen Platz wieder verlassen wird. Er möchte morgens eine Freund anrufen und sich mit ihm spontan zum Frühstück verabreden, er möchte den Hotelaufenthalt verlängern, wenn es ihm gefällt, er möchte in seinem Garten die Rosen schneiden und den Rasen mähen, wenn die Sonne scheint. Darauf freut er sich. Seine Zelte im Südbezirk wird er nicht abbrechen. Gräfe mag Remscheid. Es ist seine Heimatstadt. Er kennt das Leben in Remscheid bis in die kleinsten Verästelungen. Er vermisst, dass zu wenige Menschen an das Große und Ganze denken: Hier Lennep, dort Lüttinghausen, da Innenstadt. Er habe mal ein gemeinsames Schützenfest aller Vereine vorgeschlagen. Und ist mit dieser Idee umfassend gescheitert. Gräfe war häufig Überbringer von guten Nachrichten in Form von Schecks der Stadtsparkassenstiftung. Viele davon hat er mit Füller unterschrieben. Den Löschpapierroller, den ihm seine Mitarbeiter zu Beginn seiner Vorstandsarbeit geschenkt haben, nimmt er mit nach Hause. Als Erinnerung an eine schöne Zeit.

Quelle: RP
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