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Remscheid
Von der Fremdheit der Muslime im eigenen Land

Remscheid. Wuppertaler Theaterprojekt "Close Up" gastierte in der Albert-Einstein-Schule und gab Anlass zum Nachdenken.

Alle reden über sie, jeder erlaubt sich ein Urteil, doch kaum einer kennt ihre Ansichten. Es geht um junge muslimische Frauen mit und ohne Kopftuch. Ihre Zerrissenheit, die Suche nach Identität, die Angst vor Ausgrenzung und den Wunsch nach Akzeptanz thematisieren zehn junge Muslimas im Stück "FacetTen", vom Wuppertaler Theaterprojekt "Close Up". Am Samstag führten sie ihr Werk in der Albert-Einstein-Schule auf, auf Einladung des Initiativkreises (IK) Kremenholl, erstmals in Remscheid.

Eine junge Frau tritt auf die Bühne. Ganz in schwarz ist sie gehüllt, ein Kopftuch bedeckt ihr Haar. "Ich bin hier geboren, wie vermutlich die meisten von euch", sagt sie dem Publikum. "Ich kenne kein anderes Land zum Leben." Sie hält einen Augenblick inne. "Und trotzdem, je älter ich werde, umso fremder fühle ich mich. Warum?" Ein Gedanke der offensichtlich viele muslimische Mädchen plagt. Nur weil sie, ob mit oder ohne Kopftuch, anders aussehen?

"Was macht mich zu einer Fremden?", fragt sich ein anderes Mädchen, diesmal ohne Kopftuch. "Sind es meine schwarzen Haare? Ist es, weil ich meinen Namen immer wieder buchstabieren muss, oder liegt es daran, dass ich meinen Gott Allah nenne?" Das Stück, eine großartig inszenierte Collage, enthielt sowohl schauspielerische als auch filmische Elemente, Live-Musik durch die drei Musiker Christopher Huber (Geige), Christopher Esch (Gitarre) und Max Klaas (Percussion), wie auch Gesang durch die Mädchen.

Für viele der Besucher im Publikum war es vermutlich das erste Mal, dass sie einen Einblick in die Gefühlswelt von mehreren unterschiedlichen jungen heranwachsenden Muslimas bekamen. Pubertierende, wie alle anderen, aber zwischen zwei Kulturen, inmitten einer Gesellschaft, von der ein immer größer werdender Teil sie öffentlich aufgrund ihrer Religion diskriminiert.

Das fast dreistündige Stück bewegte die Zuschauer sichtlich. Die Mädchen boten zehn verschiedene Facetten, daher das Wortspiel im Titel "FacetTen". Dabei ging es nicht nur um die Diskriminierung von außen, sondern eben auch untereinander. Thematisiert wurde beispielsweise die Stellung der Frau in einer muslimischen Familie. Ihre Horrorszenarien der Zukunft legten sie offen, indem sie Ausschnitte von der Pegida-Demonstration in Wuppertal 2015 auf Leinwand projizierten. Ein Tag, an dem die Ensemble-Mitglieder tatsächlich Angst erlebten, was die Theaterpädagoginnen des Projektes, Dilara Baskinci und Charlotte Arndt, wiederum dazu verleitete, es im Stück zu verarbeiten. Fragen drängten sich auf: Leben wir in einer Welt, in der sich die Geschichte zu wiederholen droht? Statt verfolgter Juden diesmal verfolgte Muslime?

Ein Theaterstück, das sich tief in die Seele einbohrt, zum Denken anregt und den eigenen, mitunter zu schmalen Horizont erweitert.

(seg)
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