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Remscheid
Wenn das Selfie verboten wäre

Remscheid: Wenn das Selfie verboten wäre
Szene aus der "Komödie der Eitelkeit" am Leibniz-Gymnasium. FOTO: Moll, Jürgen (jumo)
Remscheid. Literatur-Kurs am Leibniz-Gymnasium spielt seine Version der "Komödie der Eitelkeit". Von Anna Mazzalupi

Ein Blick oder zwei in den Spiegel am Tag sind ganz selbstverständlich. Das schnell geknipste Selfie mit dem Smartphone gehört ebenso natürlich zum alltäglichen Leben. Doch was passiert, wenn das alles verboten ist und eine Spiegelscherbe zur Schmuggelware wird?

Der Literaturkurs der Jahrgangsstufe Q 1 des Leibniz-Gymnasiums hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt und Elias Canettis "Komödie der Eitelkeit" von 1933 im modernen Gewand auf die Bühne der Schule gebracht. Bei dem Werk handelt es sich um ein Drama in drei Teilen, das widerspiegelt, wie sich die Masse verhält, wenn ein autoritäres Regime Freiheiten beschneidet. Canetti (1905-1994) hatte jüdische Wurzeln und schrieb das Drama, in dem er seine Eindrücke aus Wiener Sicht verarbeitet, zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland.

Die Gymnasiasten stellten anschaulich dar, wie sich die Menschen in den drei Akten unter dem Verbot von Spiegeln, Fotos, Bildern und Kinofilmen verändern und wie sehr sich ihr Verlangen nach Selbstbestätigung und Schmeicheleien steigert. Machte die Masse, bestehend aus allen Schichten der Gesellschaft, noch am Anfang begeistert bei der rituellen Verbrennung und Opfergabe von Spiegel und Fotos mit, um dem Feind "Eitelkeit" zu entkommen, zeigt sich zehn Jahre später, dass sie ohne Reflektion nicht mehr wissen, wer sie sind.

Alle hungern nach Möglichkeiten, sich selbst zu sehen oder zumindest durch andere etwas über sich zu erfahren. Mädchen versuchen sich in den Augen der anderen zu spiegeln, auf der Straße wird mit Spiegeln gedealt, mit Schmeicheleien Geld verdient, was jedoch verboten ist und strengstens von staatlichen Kontrolleuren bestraft wird. Im Spiegelbordell kann jeder gegen Bezahlung seinem Bedürfnis nachkommen.

Anders als bei Canetti, der eine Befreiung aus dem Terrorsystem beschreibt und Hoffnung wecken wollte, inszenierten die Schüler einen Schluss, bei dem der potenzielle Befreier von den Kontrolleuren erschossen wird. Damit mahnt der Kurs angesichts der Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges vor Unterdrückung und Manipulation der Menschen in totalitären Herrschaftssystemen.

Vielen der Darsteller sah man die Spielfreude mit allen Möglichkeiten der Mimik und Gestik regelrecht an. Die Verteilung von Doppelrollen war geschickt gewählt, kleinere Texthänger fielen nicht stark ins Gewicht, so dass der Kurs nach der zweitsündigen Aufführung zu Recht für die gelungene Inszenierung mit viel Beifall bedacht wurde.

Quelle: RP
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