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Remscheid
Widersprüchliche Ode an Russland

Remscheid. Der junge Pianist Tobias Haunhorst und Horst Kläuser gestalteten das dritte Meisterkonzert im Remscheider Teo Otto Theater meisterhaft und anrührend. Von Gisela Schmoeckel

Das Fragezeichen am Ende des Konzertmottos "From Russia with Love?" könnte im dritten Meisterkonzert des Teo Otto Theaters eine gewisse Skepsis des jungen Pianisten Tobias Haunhorst und des Remscheider Journalisten Horst Kläuser andeuten. Beide lieben Russland gerade in seinen Widersprüchen - und beide machten ihre Liebe jeweils in der eigenen Sprache - Haunhorst in der seines leidenschaftlichen, jugendlichen musikantischen Temperaments lebendig, Horst Kläuser in seinen Texten aus seiner Korrespondentenzeit. Ein überzeugendes Konzept.

Es waren Stimmungsbilder einer von Melancholie geprägten Beobachtung bei Autofahrten durch trostlose, heruntergekommene Hochhaussiedlungen der Stalinzeit, verwitterter Schmuckformen an alten Häusern auf dem Lande, von der Armut und zugleich überbordenden Gastfreundschaft eines Musiklehrerpaares im früheren Kaliningrad, dem zerstörten Königsberg.

Tobias Haunhorst begann das Konzert mit Tschaikowskys rhapsodenhafter Komposition "Dumka", in der ein helles, wie Vogelruf klingendes Motiv in düsteren, von starken Rhythmen dominierten Ballungen freundliche Akzente aufleuchten lässt. Sein Spiel arbeitet dynamische Schichtungen fast räumlich spürbar heraus. Tänzerische Folgen, dramatische Steigerungen, an Liszt erinnernde Kaskaden lassen in der direkt folgenden "Ukrainischen Dorfszene" einen Pianisten erkennen, der wie ein Maler reiche Farbnuancen entwickelt.

Nach Kläusers ernüchternder Beschreibung des heutigen russischen Landlebens erklingt das wundervolle Poème "Vers la flamme" von Alexander Nikolajewitsch Skrjabin aus dem Jahr 1914. Mit lautmalerischer Differenzierung spielt Haunhorst, der zur Zeit in London bei Jan Fountain studiert das Lodern der Flammen in nahezu metallischem Glanz der hohen Lagen, das Glühen der Hitze. Sein Anschlag ist kraftvoll, rund, niemals die Strukturen zudeckend, auch im vehementesten Fortespiel. Dieses Spiel ist ein wahrer "Ohrenöffner", deutlich wird das an den Verwandlungen des schlichten schönen Corelli-Themas in Rachmaninovs Variationen, die barocke, italienische Formen mit kraftvollen, aus der russischen Volksmusik stammenden Rhythmen verbindet. Die Weite des Klangraums, die Fülle der Akkorde, die Wärme der Klangfarben - das Publikum darf uneingeschränkt dieses ungestüme, zugleich differenzierte Spiel genießen.

Gubaidulinas Chaconne aus dem Jahr 1963 führt in eine Welt aus hart aufeinanderprallenden Akkordschichtungen, rhythmischen Verschiebungen, jazzigen Einsprengseln, die Haunhorst mit seinem wechselnden Anschlag formt. Wie von fern wandert das Bachmotiv in fugenartigen Sequenzen durch diese dramatisch verdichteten Räume.

Horst Kläuser liest aus seinen Erinnerungen an die Ereignisse der orangen Revolution und die Tage am Maidanplatz in Kiew. Die dunkle Seite der russischen und ukrainischen Geschichte konfrontiert Haunhorst wuchtig mit Modest Petrowitsch Mussorgskis Szenen der "Hütte auf Hühnerfüßen" und dem "Großen Tor von Kiew" aus der Suite "Bilder einer Ausstellung". Ein großartiges, mit Bravo-Rufen bedachtes Konzert voller Empathie im voll besetzten Theaterfoyer ging mit der langen vierten Ballade von Frederic Chopin als Zugabe zu Ende.

Quelle: RP
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