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Birgitta Radermacher
Wir brauchen keine "Rambos" bei der Polizei

Birgitta Radermacher: Wir brauchen keine "Rambos" bei der Polizei
Polizeipräsidentin Birgitta Radermacher ist die erste Frau in dieser Position im Wuppertaler Präsidium. FOTO: Nico Hertgen
Remscheid. Die Polizeipräsidentin zu Krawallen in Frankfurt, dem erfolgreichen Einsatz in Wuppertal und das ungebrochene Interesse am Polizeiberuf.

Die jüngsten Krawalle zur Eröffnung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt haben für Aufsehen gesorgt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie in einem weithin verbreiteten Polizeivideo vermummte Angreifer mit Brandsätzen auf eine Frankfurter Wache zustürmen sahen?

Radermacher Wie kann das passieren? War es vorhersehbar? Hoffentlich ist den Kollegen nichts geschehen. Die Streifenwagen, die angegriffen wurden, waren offenbar leer. Ich weiß nicht, ob die Vermummten vor Menschen darin Halt gemacht hätten.

Ist das eine neue Qualität der Gewalt?

Radermacher Bei Gewalt neue Dimensionen festzulegen, ist sehr schwer. Mir scheint aber, es fallen immer mehr Hemmungen. Ich will nicht glauben, dass die Demonstranten auch mit Brandsätzen auf Polizeifahrzeuge geworfen hätten, wenn Beamte darin gesessen hätten. Das wäre Mordversuch und für mich unvorstellbar. Ich kann zudem nicht erkennen, was diese Gewalttäter treibt, was sie wollen, ob es blinde Zerstörungswut ist oder sich solche Handlungen mit Botschaften verbinden, es ist offenbar Gewalt als reine Gewalt.

Die Frankfurter Kollegen sind zu Beginn der Ausschreitungen sogar noch kritisiert worden, etwa von Politikern der Partei Die Linke. Sie hätten unnötig Druck auf Demonstranten ausgeübt, hieß es.

Radermacher Frankfurt zu kommentieren, fällt mir von hier aus schwer. Ich beschränke mich lieber auf unsere Einsätze. Auf dem Gebiet der Meinungsäußerung ist Provokation häufig gewollt, etwa wenn Pro NRW Mohammed-Karikaturen zeigt. Polizeipräsenz hingegen darf es nicht sein, wird aber manchmal so gewertet.

Sie sind für Ihren jüngsten Großeinsatz in Wuppertal sehr gelobt worden. Salafisten, Hooligans und Pegida hatten sich zu dieser Demonstration angekündigt, doch blieb es weitgehend ruhig. Was haben Sie richtig gemacht?

Radermacher Wir haben uns mit einem großen Stab 14 Tage intensiv vorbereitet. Ich habe dann schnell festgestellt, dass alles wie ein Räderwerk zusammenläuft. Es gehört sicher auch ein Quäntchen Glück dazu. Für Außenstehende ist die Detailarbeit kaum nachvollziehbar. Das ist Generalstabsarbeit. Eine konzentrierte Vorbereitung mit Menschen, die eine solche Arbeit eben nicht zum ersten Mal machen. Und es gab eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt und der Presse. Wichtig war, dass wir Pegida den zunächst geplanten Spaziergang verboten haben, nachdem sich Pegida und Hooligans gemischt hatten und wir beide Gruppen nicht mehr trennen konnten.

Was bedeutet Staatsgewalt?

Rademacher Zunächst mal geht alle Gewalt vom Volke aus. Das bedeutet aber nicht Selbstjustiz. Die Polizei hat die Verpflichtung, dem Gesetz Geltung zu verschaffen. Zur Not müssen wir auf Grundlage dieser Gesetze auch Gewalt anwenden. Immer das geringste Mittel und verhältnismäßig. Dabei ist Sachkenntnis, aber auch Fingerspitzengefühl gefordert. Deshalb sage ich meinen Mitarbeitern: Sie sind das Gesicht der Polizei. Jedes Wort, jede Geste kann zu Missverständnissen führen. Das ist für Polizisten mitunter schwer zu leben. Mancher kommt nicht sofort auf die Idee, dass man sein Auftreten missverstehen könnte. So kommt es immer auch auf die persönliche Wertung des Empfängers an.

Bilder wie die aus Frankfurt sind nicht eben werbewirksam für den Polizeiberuf.

Radermacher Da bin ich anderer Auffassung. Wer sich für den Polizeiberuf ernsthaft interessiert, auf den werden diese Videos nicht abschreckend wirken. Aber Vorsicht! Wir brauchen keine "Rambos". Wir brauchen Menschen, die bereit sind, im Team Polizei Schlimmeres zu verhindern und dem Gesetz Geltung zu verleihen. Der Polizeiberuf ist attraktiv, das sehen wir an den Bewerberzahlen. Unser Aufgabenspektrum ist sehr breit. Wer bei uns nichts findet, das ihm Spaß macht, der ist selbst schuld.

Aus Düsseldorf hört man, Polizeibehörden, insbesondere solche im ländlichen Raum, sollen zusammengelegt werden. Bekommen Sie bald Zuwachs im Wuppertaler Präsidium?

Radermacher Nicht dass ich wüsste. Die Überlegungen sind nicht neu. Inwieweit sie umgesetzt werden, wird die Zukunft zeigen.

BERND BUSSANG STELLTE DIE FRAGEN

Quelle: RP
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