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Hans-Hein Schumacher
"Wir landen in einem Loch"

Hans-Hein Schumacher: "Wir landen in einem Loch"
Hans-Heinz Schumacher, Direktor des Ernst-Moritz-Arndt Gymnasiums. FOTO: Jürgen Moll
Remscheid. Der Direktor des Ernst-Moritz-Arndt Gymnasiums sieht einen Wechsel von G 8 auf G 9 kritisch.

Herr Schumacher, Sie gelten als ein Befürworter von G 8 und sagen, nach zwölf Jahren Erfahrung sollte man bei den acht Jahren bleiben. Warum?

Schumacher Vor zwölf Jahren war ich dagegen, von G 9 zu G 8 zu wechseln. Wie das Schicksal es wollte, bin ich mit dem ersten G 8-Jahrgang in dieses Amt am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium gekommen. Seit nunmehr zwölf Jahren arbeiten wir hier daran, G 8 so hinzubekommen, dass es für die Schüler machbar wird. Wir hatten die Schüler von Anfang an im Blick. Ich habe seitdem durchgehend Mathematik in der fünften und sechsten Klasse unterrichtet. Bei meiner jetzigen sechsten Klasse arbeite ich im Buch der siebten Klasse. Das habe ich vorher nie geschafft. Aus Lehrerperspektive hat man sich darauf eingestellt, dass man den Stoff, der vermittelt werden muss, auch schaffen kann, ohne dass man riesig Druck macht. G8 ist möglich. Und was unsere Ergebnisse gerade in den letzten Jahren gezeigt haben, für unsere letzten drei Jahrgänge war G 8 auch gut machbar.

Wie waren die Ergebnisse?

Schumacher Wir haben gute Ergebnisse erzielt. Die letzten drei Jahrgänge schnitten besser als der Landesdurchschnitt ab, im letzten Jahr sogar deutlich.

Wenn man von einem Tag auf den anderen von G 8 auf G 9 umstellen könnte, wäre Ihnen G 9 lieber?

Schumacher Ich hätte nichts dagegen. Ich habe jahrzehntelang G 9 unterrichtet. Die Vorteile sind, dass die Schüler später tatsächlich reifer sind. Dem muss man aber gegenüberstellen: Eine Hauptmotivation damals, nach G 8 zu wechseln, war die Frage, was machen unsere Schüler, wenn sie auf einen europäischen Markt kommen. Ich weiß, wenn wir jetzt einen Systemwechsel machen, geht es nicht zurück zum alten G 9. Wir können nicht einfach sagen, wir machen da weiter, wo wir vor zwölf Jahren aufgehört haben. Die Lehrpläne sind zwischenzeitlich alle zum Beispiel auf Kompetenzerwartungen umgeschrieben worden. Deshalb ist es keine Rolle rückwärts. Wir würden nicht dort landen, wo wir die Rolle gestartet haben.

Wo landen wir dann?

Schumacher In einem Loch. Wir müssen jetzt wieder ein ganz neues System von Anfang an aufsetzen. Ich habe darum gebeten, dass wir mindestens drei Jahre Zeit haben. Jetzt sind es zwei Jahre, die genannt werden. Wenn man genau drüber nachdenkt, sind es auch keine zwei Jahre mehr. Wir können aber erst anfangen zu diskutieren, wenn wir alle Fakten vonseiten der neuen Landesregierung auf dem Tisch haben. Die G 9er erwarten, dass sie mehr Freizeit haben, um wieder in Vereine gehen zu können. Das hängt aber davon ab, ob ich die Unterrichtszeit wirklich reduziere. Da ist das riesige Problem. Sollen die Schüler, die am leichtesten lernen können, sollen die deutlich weniger Stunden haben in der Woche als alle Hauptschüler, Realschüler und Gesamtschüler? Unsere Unterrichtszeit unterscheidet sich um etwa 20 Minuten pro Woche. Außerdem müssen die Curricula umgeschrieben werden. Ich muss wissen, was mache ich in den ersten sechs Jahren. Diese sechs Jahre muss ich am Stück neu entwerfen.

Ist den Eltern, die den Wechsel befürworten, klar, was eine Umstellung bedeutet?

Schumacher Das glaube ich nicht. Das ist auch unseren Kollegen nicht vollkommen klar. Das merke ich jetzt. Viele Lehrer sagen spontan, sie seien für G 9. Wenn wir aber dann ins Detail kommen, überlegen sie doch noch mal. Es bedeutet nämlich, permanente Erneuerung, wie bisher. Ich denke, wir brauchen für die Umstellung auf G 9 wieder zwölf Jahre. So wie wir G 8 nach zwölf Jahren entwickelt haben, ist es für die Schüler nun machbar.

Wäre es möglich, G8 und G9 parallel laufen zu lassen?

Schumacher In einer Schule normaler Größe geht das nicht. Das ist unmöglich.

Plädieren Sie denn dafür, dass alle Remscheider Gymnasien sich gleich aufstellen?

Schumacher Wenn wir es nicht gleich machen, treten wir automatisch in einen Wettbewerb.

Wäre das gut?

Schumacher Aus Elternsicht wäre das sehr wahrscheinlich gut, wenn sie eine Wahlmöglichkeit hätten. Aus schulischer Sicht ist das eine andere Frage. Wir müssen auch unser Umfeld im Auge halten. Wenn in Remscheid von jedem System zwei Gymnasien gäbe, wäre das kein Problem. Wenn es drei zu eins geht, ist es ein Problem. Was ich bemängle, ist, dass die Schulen, die sich gut auf G 8 umgestellt haben, nun einen Prozess in Gang setzen müssen, wenn sie dabei bleiben wollen. In meinen Augen wäre es fairer gewesen, es andersherum zu machen. Da, wo Veränderungsbedarf ist, da soll man auch aktiv werden.

Die Situation ist nicht befriedigend?

Schumacher Überhaupt nicht. Gerade für die nicht, die gute Arbeit geleistet haben.

Es gibt immer wieder Kritik an der Leistungsstärke der Abiturienten. Werden die Jahrgänge schwächer in ihrer Leistungsfähigkeit?

Schumacher Ich kann es für unser Gymnasium sagen. Seit der Einführung des Zentralabiturs sind wir permanent besser geworden. Der letzte Jahrgang war unser bester. Er war besser als der Landesdurchschnitt. Und das in Remscheid, wo wir nicht eine Schülerschaft haben, die prädestiniert wäre, Spitzenergebnisse zu erzielen. Die Anforderungen von G 8 sind alles andere als geringer. Bei der Abiturientenquote ist Remscheid weniger stark als der Landesdurchschnitt. Wir liegen bei etwa 33 Prozent. Ich würde aber sagen, wenn man darauf abzielt, die Quote nach oben zu treiben, dann bekommt man automatisch mehr Schüler, die mit so einem System wie G 8 Probleme haben. Ich finde es daher gut, dass wir mit der Gesamtschule eine Alternative haben.

Die Universitäten klagen aber darüber, dass das Abitur keine Hochschulreife mehr garantiert.

Schumacher Das gilt mit Sicherheit für nicht so leistungsstarke Abiturienten. Da bekommen die Universitäten ein Klientel, das Schwierigkeiten haben wird. Auf der anderen Seite muss ich sagen, das Mathematikstudium hat sich im Vergleich zu meiner Studienzeit nicht viel geändert. Den Universitäten muss man vorwerfen, dass sie sich in all den Jahren nicht sehr gewandelt haben. Die machen keine besonderen Angebote, um das andere Klientel auch heranzuführen an das sprunghaft steigende Niveau.

Die Anforderungen an das Abitur zu senken, um die Quote zu erhöhen, wie es in Berlin gemacht wird, würden Sie nicht befürworten?

Schumacher Ganz im Gegenteil. Ich bin durch und durch Gymnasiallehrer. Jeder der befähigt ist, soll seine Chance haben. Das ist ganz klar. Das Gymnasium soll und muss zur universitären Reife führen. Wir wollen die Besten fördern. Das G 8 ist daher auch ein Alleinstellungsmerkmal der Gymnasien. Bloß nicht das Niveau absenken. Ich halte viel davon, Schülern, die aufgrund ihrer Herkunft Nachteile haben, die in jedem Fall zu fördern. Das machen wir an unserer Schule auch.

Viele sagen, die Abiturienten sind in ihrer Persönlichkeit noch nicht genug gereift nach G8 und wissen nach dem Abitur gar nicht genau, was sie machen sollen?

Schumacher Das muss man bestätigen. Da hat G 9 Vorteile. In den geisteswissenschaftlichen Fächern sehen wir das. Eine menschliche Reife ist noch nicht bei allen nach zwölf Schuljahren erreicht. Die Kollegen der Philosophie sind teilweise verzweifelt. Aber es geht nichts verloren. Die persönliche Reife stellt sich sicherlich auch später ein.

CHRISTIAN PEISELER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
 
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