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Rhein-Kreis Neuss
Ärzte kritisieren Flüchtlings-Versorgung

Top 10: In diesen NRW-Städten sind Flüchtlinge untergebracht
Top 10: In diesen NRW-Städten sind Flüchtlinge untergebracht
Rhein-Kreis Neuss. Bürokratische Hürden, knappe Impfstoffe und schwere Krankheiten - bei der 5. Gesundheitskonferenz des Rhein-Kreis Neuss berichteten Ärzte aus ihrem Alltag in der Flüchtlingshilfe, bei dem sie häufig improvisieren müssen. Von Dagmar Fischbach

Auf der Leinwand ist nur eine Zahl zu sehen: 6728. Es ist die Zahl der Flüchtlinge, die sich aktuell im Rhein-Kreis Neuss aufhalten. "Davon sind 3331 dauerhaft bei uns. Sie leben in Wohnungen, Containern oder Hotels und warten darauf, dass ihr Asylantrag genehmigt wird. Der Rest ist in Notunterkünften untergebracht", sagt der Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Dr. Michael Dörr.

Fotos: Wo Flüchtlinge wohnen können FOTO: dpa, rwe jai

Der Amtsarzt und seine Kollegen sind täglich im Einsatz, um die neuankommenden Flüchtlinge zu untersuchen. Bei der fünften Konferenz für Gesundheit, Pflege und Alter des Rhein-Kreises Neuss berichteten sie über ihre Arbeit und von den Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sehen.

"Ärzte, Helferinnen, sogar Verwaltungsangestellte stehen Tag und Nacht an sieben Tagen pro Woche bereit, um die Ankommenden aufzunehmen und medizinisch zu begutachten. Sie werden untersucht, um Tuberkuloseerkrankungen auszuschließen", erzählt Dörr und zeigt ein Foto der kargen Zelte, in denen er und seine Mitarbeiter nächtelang arbeiten. Davor warten die Menschen in langen Reihen.

Hintergrund: Flüchtlinge in Turnhallen

Auch Dr. Hermann-Josef Verfürth ist für die Flüchtlinge im Einsatz. "Als ich vor zwei Jahren anfing, hatten wir 160 Menschen im ehemaligen Alexius-Krankenhaus. Heute sind es 1200. Dazu rund 400 in der Schule am Wildpark", sagt der Hausarzt aus Neuss. Rund 80 akute Krankheitsfälle hätten er und seine drei Kollegen täglich zu versorgen. "Darunter sind massenhaft Erkältungen, aber auch schwere Krankheiten wie Lungenkrebs oder HIV-Infektionen. Wir beginnen die Behandlung, und nach maximal drei Wochen werden die Menschen weiter geschickt. Was dann mit ihnen passiert, wissen wir nicht."

Darüber hinaus seien sie ständig bürokratischen Hürden ausgesetzt. So dürfe er etwa keine Medikamente ausgeben, berichtet Verfürth. Das werde von der Bezirksregierung in Arnsberg untersagt. "Weil wir keine Apotheker sind. Dabei wäre vielen Patienten mit einer Schmerztablette geholfen", sagt der Mediziner.

Stimmen: NRW-Bürgermeister zur Lage in ihrer Stadt FOTO: dpa, fg nic

Noch schlimmer sei, dass manche Schwerkranke nicht behandelt werden dürften. "Ich hatte den Fall eines Mannes, der von einer Kugel getroffen wurde. Das Geschoss steckte in der Hüfte. Er konnte nicht mehr laufen und hätte operiert werden müssen. Aber das wird nicht bezahlt, weil es eine Alt-Erkrankung ist", berichtet Verfürth. Auch eine syrische Mutter durfte nicht operiert werden. "Ihr Brustkrebs galt auch als Alt-Erkrankung. Und dann fragte mich ihr kleiner Sohn, warum die Mama sterben muss - grauenhaft", erzählt er.

Kinderärztin Eleonore Pierstorff-Schilden kümmert sich um die jüngsten Asyl-Bewerber. "Ich kann nicht nachvollziehen, dass wir die Menschen nicht gegen Grippe impfen dürfen. Es heißt, dafür sei kein Geld da. Aber die Influenza wird sich in den Lagern rasant schnell ausbreiten. Dann müssen viele - gerade Kinder - in die Krankenhäuser, weil eine Versorgung in den Unterkünften nicht möglich ist. Die Kapazitäten der Kliniken werden nicht ausreichen", fürchtet sie.

Geimpft werden die Aslybewerber derzeit gegen Masern, Mumps und Röteln. "Wir sollen eigentlich auch gegen Diphterie impfen - aber es gibt keine Impfstoffe mehr. Auch Polio-Impfstoff ist kaum noch zu bekommen", sagt Amtsarzt Dörr.

Quelle: NGZ
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