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Rhein-Kreis Neuss
Auch Flüchtlingshelfer benötigen Hilfe

Rhein-Kreis Neuss. Die Arbeit der Ehrenamtler gleicht oftmals einer emotionalen Achterbahnfahrt. Darum vermittelt der Fachdienst für Integration und Migration (FIM) der Caritas Sozialdienste Rhein-Kreis Neuss psychosoziale Beratungen. Von Bärbel Broer

Viele der zahlreichen Ehrenamtler, die sich im Rhein-Kreis-Neuss in der Flüchtlingshilfe engagieren, teilen solche Erfahrungen: Mal empfinden sie ein übermächtiges Mitgefühl, mal merken sie, dass die von ihnen Betreuten Probleme haben, sich aber nicht trauen nach Hilfe zu fragen. Und dann sind die Ehrenamtler enttäuscht, wenn Termine nicht eingehalten werden oder Flüchtlinge unzuverlässig sind. Diese Bandbreite der Emotionen - von Traurigkeit über Freude bis hin zu Frustration - ist groß.

Der Fachdienst für Integration und Migration (FIM) der Caritas Sozialdienste Rhein-Kreis Neuss GmbH weiß das und hat erkannt: Auch Helfer brauchen Hilfe. Deshalb vermittelt Dorota Hegerath als verantwortliche Koordinatorin bei der Neusser Caritas regelmäßig Supervisionen, also Beratungen, für Flüchtlingshelfer in den Städten Dormagen, Grevenbroich, Kaarst, Meerbusch, Neuss und Rommerskirchen an.

Edgar Noack hat bereits an einem solchen Beratungskursus in Kaarst teilgenommen und sagt begeistert: "Es ist wie eine kollegiale Praxisbegleitung. Die Supervision tut einfach gut." Der Rentner ist seit knapp zwei Jahren in der Flüchtlingshilfe aktiv, betreut eine afghanische Familie, einen alleinstehenden Afghanen sowie einen achtjährigen Jungen aus Afrika.

Manchmal habe er bei seiner Hilfe ein Nähe-Distanz-Problem gehabt. "In der Supervision habe ich auch gelernt, 'nein' zu sagen. Aber auf eine Art, die die Flüchtlinge verstehen", erzählt der Architekt im Ruhestand, der in der katholischen Kirchengemeinde aktiv ist und darüber ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer wurde. Ein Gefühl der Zurückweisung entstehe so nicht. Sechs Mal hat er von April bis zum Beginn der Sommerferien an der Supervision für Helfer in Kaarst teilgenommen. "Regelmäßig bieten wir diese Kurse in den sechs Städten an. Die Teilnahme ist kostenlos, aber verbindlich", erklärt Diplom-Sozialpädagogin Hegerath.

Udo Hentrich, der als Lehrer am Berufskolleg Dormagen unterrichtet, ist einer der ehrenamtlichen Supervisoren, die für das Projekt "Neue Nachbarn Rhein-Kreis Neuss" der Caritas arbeiten. Der Lehrer für katholische Religion, Politik und Wirtschaft ist zudem Psychotherapeut und hat eine Ausbildung in Supervision abgeschlossen. Seit April dieses Jahres bietet er die Beratungskurse in Rommerskirchen an.

"Oft sind es ähnliche Problemlagen, die die Flüchtlingshelfer schildern", sagt Hentrich. "Wenn Flüchtlinge zu vereinbarten Zeiten nicht erscheinen oder Behördengänge vergessen, sind manche sehr enttäuscht."

Er zeigt den Helfern dann auf, wie stark überfordert manche Flüchtlinge mit dem System hierzulande sind. "Wir leben systemorientiert, weil wir es nicht anders kennen", so Hentrich. Er nennt als Beispiele, dass man bei Arbeitslosigkeit zum Arbeitsamt, in sozialen Härtefällen zum Sozialamt, bei Krankheit zur Krankenversicherung gehe. "Die meisten Flüchtlinge jedoch sind personenorientiert aufgewachsen", erklärt der Supervisor weiter. "Sie denken bei derartigen Problemlagen eher an Familie und Nachbarn. Ihr institutionenbezogenes Denken ist längst nicht so ausgeprägt wie unseres."

Hinzu komme, dass bei manchen Flüchtlingen die Verarbeitung persönlicher Erlebnisse oftmals erst sehr viel später einsetze. Auch um mit solchen, für die Helfer belastenden Situationen umgehen zu können, sei die Supervision hilfreich. Denn: "Supervision ist Lernen durch Erfahrung."

Quelle: NGZ
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