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Rhein-Kreis Neuss
Auf dem Weg in die Stadt der Zukunft

Rhein-Kreis Neuss. Beim Neusser Wirtschaftstreff zeigte Alanus von Radecki, Projektleiter "Morgenstadt: City Inseights" beim Fraunhofer-Institut, wie technische Innovationen das Leben in der Stadt verändern. Das bietet Chancen, die es zu nutzen gilt. Von Andreas Buchbauer

Als Elisha Graves Otis das Signal gibt, stockt den Besuchern der Weltausstellung "Exhibition of the Industry of All Nations" der Atem. 1853 klettert der Mechaniker im New Yorker Crystal Palace auf eine kleine Plattform, die einen Lastenaufzug darstellt. Das Problem damals: Reißt das Zugseil, dann stürzt der Aufzug ab. Otis steht oben und gibt das Kommando, das Seil zu kappen. Zeitzeugenberichten zufolge geht ein entsetztes Raunen durch die Massen, gefolgt von ungläubigem Staunen: Otis hatte eine Stahlfeder eingebaut, als das Seil durchtrennt ist, verkantet sie sich in den Führungsschienen des Aufzugs - und verhindert den Absturz.

Beim Wirtschaftstreff im Neusser Romaneum erinnert Alanus von Radecki an genau diese Erfindung. Der Referent vom Fraunhofer-Institut beschäftigt sich als Leiter des Projekts "Morgenstadt: City Inseights" mit der Stadt von morgen. Der kleine Geschichtsexkurs liefert ein gutes Beispiel, wie technische Neuerungen das Leben in der Stadt revolutionieren - und sich dies in Architektur und Stadtplanung widerspiegelt: Ohne die automatische Aufzugbremse von Otis wären Menschen nicht in der Lage gewesen, Wolkenkratzer und damit Städte in die Höhe zu bauen. "Skylines wie in New York wären dann nicht denkbar", sagt von Radecki.

Heute schreitet die Technik schneller voran als zu Otis' Zeit. Als das erste iPhone 2007 auf den Markt kam, wirkte es wie ein Innovationsbeschleuniger. Wer immer noch der Meinung ist, es habe sich lediglich um ein Telefon mit ein paar Funktionen mehr oder gar ein Lifestyle-Gimmick gehandelt, der verkennt die Bedeutung - und droht, die Zukunft zu verschlafen. Längst ist dank intelligenter Apps alles miteinander vernetzt, die Möglichkeiten nehmen jeden Tag zu, rund um die Uhr wird an Innovationen gearbeitet, die ein Potenzial wie einst Otis' Aufzugbremse haben. Dieser Forschungsgeist durchdringt den Alltag; er verändert die Art zu leben - und bietet ein gigantisches wirtschaftliches Potenzial. "Smart Cities, kurz: vernetzte Städte, basieren auf innovativen Grundlagen", betont von Radecki. Eine neue Ära städtischer Architektur und Infrastruktur ist angebrochen. "Das verändert das Zusammenleben. Wir sind in der Lage, Städte dank der technologischen Entwicklungen gezielt nachhaltig zu gestalten."

In seinem Vortrag beim Neusser Wirtschaftstreff nennt der Referent eine Reihe Beispiele: Autonome Fahrzeuge könnten laut Studien bis zu 80 Prozent der Fahrzeuge und Parkplätze in den Innenstädten obsolet machen, die gesamte Energie für ein Wohnquartier könne in Zukunft über Plusenergiehäuser bereitgestellt werden, der ÖPNV im innerstädtischen Bereich durch On-Demand-Angebote via App nachfragegesteuert und damit völlig neu strukturiert werden. In Berlin läuft bereits ein Pilotprojekt namens Allygator Shuttle. Die Reihe der Beispiele lässt sich lang fortsetzen, eins haben alle gemein. "Die Technologie ist nicht das Problem, sondern die Strukturen", sagt von Radecki.

Auf systemischer Ebene müssen Anpassungen her. Der aktuelle Zeithorizont für Stadtentwicklungsplanung beträgt laut von Radecki zehn bis 15 Jahre, damit hechelt man dem Tempo der technischen Entwicklung hinterher. "Die Möglichkeiten, die sich durch die Vernetzung bieten, werden oft gar nicht berücksichtigt, aber das ist der Motor der Prozesse von morgen." Die Chancen, aber auch die Herausforderungen sind immens - für die Industrie, die nach neuen Absatzmärkten sucht. Für die Städte, die sich grundsätzlich wandeln müssen. Und für die Bürger, die vom Wandel profitieren sollen.

Quelle: NGZ
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