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Rhein-Kreis Neuss
Der lange Weg zum Rhein-Kreis Neuss

Rhein-Kreis Neuss: Der lange Weg zum Rhein-Kreis Neuss
Der Kreistag des Kreises Grevenbroich um 1895. FOTO: Kreisarchiv
Rhein-Kreis Neuss. Preußen unterteilte die Region erstmals in Kreise. Das ist jetzt 200 Jahre her. Seitdem hat sich viel verändert. Von Marion Lisken-Pruss

Eng, steil und düster sei die Treppe gewesen, fast wie eine Hühnersteige. Sie führte Anfang der 1870er Jahre zu zwei Schreibstuben im Landratsamt auf dem Freithof am Quirinus-Münster, wo der hochbetagte Kreisbote Krüger vor sich hinträumte. So beschrieb 1894 die Neusser Zeitung das Büro des königlichen Landrats Hermann Seul zu Neuss. Der unbekannte Autor hatte sich insbesondere auf die Treppenhäuser verlegt: Die Treppe, die zum Büro von Seuls Nachfolger im städtischen Leihamt im Obertor führte, sei zwar licht und breit gewesen, dafür umso länger. Der Landrat hätte eine gute Lunge und kräftige Waden gebraucht, schlussfolgerte der Autor, bevor er weiter schilderte, wie häufig das Büro des Landrats in Neuss in den 1870er Jahren umzog: Vom Obertor auf die Furth, zurück zum Freithof in andere Räume mit einer noch steileren Treppe, anschließend in die Neu-, später in die Friedrichstraße und dann in das freiliegende Haus der Bahninspektion. Die Akten fuhren die Boten auf einer Handkarre. Ein Kreisständehaus mit Sitzungssaal und Büros, wie es seit 1886 in Grevenbroich steht, wurde in Neuss als Kreishaus erst 1892 auf der Königstraße erbaut. Aber auch in Grevenbroich hatte das landratliche Büro zuvor schon mehrfach seinen Sitz gewechselt.

Preußische Obrigkeit

Rund 70 Jahre vorher war Europa neu geordnet worden: Auf dem Wiener Kongress wurden 1814 zahlreiche Grenzen neu definiert, nachdem Napoleon Bonaparte die politische Landkarte durcheinander gewirbelt und schließlich die Völkerschlacht bei Leipzig verloren hatte. Das Rheinland und Westfalen fielen an das Königreich Preußen, und Friedrich Wilhelm III. stand in Berlin vor der Aufgabe, diese Region neu zu strukturieren. Die Idee, wie es funktionieren könne, kam von Karl Freiherr vom und zum Stein (1757-1831). Er gliederte den Preußischen Staat in Provinzen, Regierungsbezirke und Kreise. Ihm schwebten Landkreise vor, die sich selbst verwalten und zugleich Staatsaufgaben umsetzen sollten. Allerdings mochte er an der althergebrachten Rolle der Stände nicht rütteln. Mit der Konsequenz, dass Joseph Fürst zu Salm-Reifferscheidt-Dyck als Vertreter des ersten Standes in Grevenbroich im Kreistag saß, und Rittergutbesitzer als Angehörige des zweiten Standes in den Kreistagen von Grevenbroich und Neuss vertreten waren.

In einem Tagesmarsch erreichbar

Berlin gab auch vor, wie die Kreise zu organisieren seien: Zwischen 20.000 bis 36.000 Einwohnern sollten sie zählen und die Bewohner den Kreissitz in einem Tagesmarsch zu Fuß erreichen können, ohne auswärts übernachten zu müssen. 1816 rief die Bezirksregierung Düsseldorf dann die Landkreise Neuss und Grevenbroich ins Leben, die 1929 zum Landkreis Grevenbroich-Neuss fusionierten. Der wiederum bildete den Vorläufer des heutigen Rhein-Kreises Neuss, der 1975 im Rahmen der Kommunalreform entstand. Dieses Jahr kann er auf eine 200-jährige Kreisgeschichte zurückblicken. Waren die Kreise einst als Instrument preußischer Obrigkeit ins Leben getreten, so haben sie sich längst zu modernen Dienstleistern entwickelt. Und statt vom König bestellt, wird der Landrat heute direkt gewählt. Rund 4.000 Mitarbeiter beschäftigt der Rhein-Kreis Neuss aktuell. Vor 200 Jahren sah das noch anders aus. Da war das Aufgabenspektrum so überschaubar, dass dem Landrat lediglich ein Kreissekretär, ein Schreiber und der Kreisbote zur Seite standen. Das sollte sich ändern, als Kaiser Wilhelm I. 1887 eine neue Kreisordnung erließ. Sie bildete bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Grundlage des Kreisrechts, und sie gilt sogar als Vorläufer der heutigen Kreisordnung. Denn sie zersprengte das ständische Fundament des Kreistags. Erstmals wurden die Kreistagsabgeordneten gewählt, wenngleich auch in einem komplexen Verfahren, das keinen demokratischen Maßstäben entsprach. Erst 1919 fanden dann allgemeine und geheime Wahlen statt. Wilhelm I. führte 1887 auch den Kreisausschuss ein. Damit stärkte er das Selbstverwaltungsrecht der Kreise, da die Mitglieder des Kreisausschusses ein entscheidendes Mitspracherecht in der Kreiskommunalverwaltung erhielten. Sie berieten den Landrat und hatten ähnlich wie heute noch die Aufgabe, die Beschlüsse des Kreistags vorzubereiten und auszuführen. Das bedurfte einer größeren Zahl von Mitarbeitern, die 1886 in das neu erbaute Kreisständehaus in Grevenbroich und sechs Jahre später in das Kreishaus in Neuss einzogen. Das Kreishaus in Neuss wurde später im Zweiten Weltkrieg zerstört. Manches, was heute zu den Grundaufgaben des Rhein-Kreises Neuss zählt, wurde damals eingeführt: die Einkommensteuer einzuziehen oder Straßen auszubauen. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel der Blick dann vermehrt auf den Menschen selbst, als es galt, Kriegshinterbliebene, -waisen und -versehrte zu versorgen. Dieser Fokus auf den Menschen war zukunftsweisend. Heute wendet der Rhein-Kreis Neuss für das Sozial- Jugend- und Gesundheitswesen einen Großteil seiner finanziellen Mittel auf - mit steigender Tendenz.

Aus zwei mach eins

Um die Jahrhundertwende gab es einen gravierenden Unterschied zwischen den Kreisen Neuss und Grevenbroich: Während der Kreis Grevenbroich überwiegend landwirtschaftlich geprägt war, siedelten sich im Kreis Neuss mehr Industrieunternehmen und Menschen an. Es war jene Zeit, als Technik und Wissenschaft die Welt neu erfanden und große Städte entstanden. Als 1913 über 40.000 Menschen in der Stadt Neuss wohnten, schied diese aus dem Kreisverband aus. Zurück blieb ein Neusser "Restkreis", der seines wirtschaftlichen Zentrums beraubt war und fortan aus zwei Teilen bestand, die noch nicht einmal miteinander verbunden waren. 1929 verschmolz er mit dem Kreis Grevenbroich zum Landkreis Grevenbroich-Neuss. Seitdem gibt es hier nur noch einen Kreis. Wenige Jahre später war dann nichts mehr wie vorher: Per Gesetz hob die NSDAP den Kreistag auf und höhlte die Position des Landrats aus. Ab August 1945 kontrollierten dann die Briten die ersten zaghaften Versuche des Kreises, wieder auf die Beine zu kommen. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg standen der elementare Kampf ums Überleben, die Wohnungsnot sowie die Sorge um Flüchtlinge und Vertriebene im Vordergrund. Nun vollzog sich eine Entwicklung hin zu dem, was das Wesen des Kreises ausmacht: zur kommunalen Selbstverwaltung als einem wesentlichen Fundament der Demokratie.

Gleiche Chancen für das "platte Land"

Die Kommunalreform von 1975 bedeutete noch einmal eine Zäsur. Sie setzte die Grenzen der Städte und Gemeinden neu zusammen, um die Lebensverhältnisse auf dem "platten Land" zu verbessern und so für eine größere Chancengleichheit zu sorgen. An ihrem Ende wurde der neue Kreis Neuss aus der Taufe gehoben - bestehend aus den Städten Neuss, Grevenbroich, Dormagen, Meerbusch, Kaarst und Korschenbroich sowie den Gemeinden Jüchen und Rommerskirchen. Kreissitz wurde Neuss, wenngleich große Teile der Kreisverwaltung in Grevenbroich verblieben. Auch das politische Zentrum liegt in Grevenbroich - weil sich dort der Kreissitzungssaal befindet. 2003 gab es noch eine Neuerung - als der Kreis seinen Namen erweitere und sich fortan "Rhein-Kreis Neuss" nannte. Dahinter stand eine clevere Marketingstrategie: Mit dem Fluss im Namen sollte der Kreis weltweit identifizierbar sein. So hatte Landrat Dieter Patt den Namenszuwachs damals beworben. Mit der Wahl Dieter Patts zum Landrat hatte es im Jahr 1996 auch etwas Besonderes auf sich: Er war der erste hauptamtliche Landrat nach dem Zweiten Weltkrieg. Damit ging die Ära der kommunalen Doppelspitze zu Ende. Das System war von den Briten eingeführt worden, um zu verhindern, dass sich die gesamte Macht in der Hand eines Einzelnen bündelte. Deshalb leitete ein Oberkreisdirektor die Verwaltung, während der Landrat dem Kreistag ehrenamtlich vorstand. Verkehrsgünstig zwischen Düsseldorf, Köln und dem Ruhrgebiet gelegen, steht der Rhein-Kreis Neuss heute mit seinem Wirtschaftswachstum an der Spitze im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Und er bietet mit seiner breiten Palette von Freizeit- und Kulturmöglichkeiten eine hohe Lebensqualität.

Quelle: NGZ
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