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Rhein-Kreis Neuss
"Die Infrastruktur ist unser Lebenselixier"

Rhein-Kreis Neuss: "Die Infrastruktur ist unser Lebenselixier"
FOTO: A. Woitschützke
Neuss. Der Kreiswirtschaftsförderer spricht über das Ende der Braunkohle, eine staatliche Hochschule im Kreis und wie er die Region für Unternehmen attraktiv machen will.

Herr Abts, wie gut golfen Sie? Sie stehen bei Ihrem Charity-Golfturnier jetzt in der ersten Reihe.

Robert Abts Über erste Versuche bei unserem Charity-Turnier bin ich noch nicht hinaus gekommen. Aber ich weiß, was ein Birdy und ein Bogey ist, insofern bin ich guter Dinge.

Sie sind nun mit dem Wechsel von Jürgen Steinmetz zur IHK alleiniger Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung. Was ändert sich für Sie?

Abts Da ich die Wirtschaftsförderung beim Kreis schon seit 2010 leite, bin ich mit den Themen vertraut, kenne die Ausrichtung von Wirtschaftsförderung. Ich habe jetzt sicherlich mehr Termine und mehr Verantwortung, aber auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Das Ziel bleibt, Wirtschaftsförderung an den Belangen der Unternehmen auszurichten und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen.

Was ist Ihre größte Baustelle?

Abts Wir sind ein prosperierender Standort mit vielen innovativen Unternehmen, die sich hier wohlfühlen. Das haben wir in unserem Mittelstandsbarometer im letzten Jahr festgestellt. 134 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und eine Million Übernachtungen im Tourismus - das sind Rekordwerte. Wenn Wirtschaftsförderung zu solchen Erfolgen einen Teil beiträgt, wird sich unsere Arbeit auch in Zukunft lohnen. Man muss nicht das verändern, was schon gut ist.

Trotzdem haben Sie Herausforderungen.

Abts Ja, wir werden weniger, bunter und älter - das hat Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Erwerbstätigen. Wir haben eine Digitalisierung in der Arbeitswelt, globale Wertschöpfungsnetze, Mobilität, Innovation - wir werden getrieben, Wirtschaftsförderung immer neu auszurichten.

Wirtschaftsinstitute warnen seit Jahren vor einem drohenden Fachkräftemangel. Wie können Sie junge Leute im Rhein-Kreis halten?

Abts Wir müssen Wirtschaft mit Schule und Hochschule früh vernetzten. Wir wollen Unternehmen früher in die Schulen bringen und Schüler in Unternehmen zeigen, wie attraktiv ihr Arbeitsplatz in der unmittelbaren Nähe ist. Viele kleine, familiengeführte und innovative Unternehmen, sind nicht immer im Blickfeld der jungen Menschen.

Im Kreistag gibt es immer wieder Kritik an Ihren internationalen Aktivitäten und deren Kosten. Brauchen Sie wirklich Reisen nach Kolumbien oder zu Olympischen Spielen?

Abts Wir sind ein international geprägter Standort. Wir haben eine Exportquote von 55 Prozent. Es gibt Unternehmen, die suchen immer neue Absatzmärkte, und die liegen nicht hier bei uns. Wir klären auf zu Auslandsmärkten und Erfolgschancen und wollen die Unternehmen dadurch unterstützen. Die Unternehmerreisen, die wir machen, sind so aus der Wirtschaft nachgefragt.

Sie engagieren sich in der Region Köln/Bonn, in der Gesellschaft Standort Niederrhein, in der Metropolregion und viele mehr. Wie vermeiden Sie Interessenskonflikte?

Abts Wir arbeiten immer daran, die Interessen zusammenzubringen. In der Regionalarbeit ist entscheidend, wo etwas Sinn macht. Man muss nicht alle Themen mit jedem Partner bearbeiten, nur des geografischen Zuschnitts wegen.

Wann kommt das Gewerbegebiet Silbersee?

Abts Gerade für großflächige und industrielle Ansiedlungen benötigen wir dringend neue Gewerbeflächen. Im LEP- und Regionalplanverfahren arbeiten wir mit daran, dass wir wieder Handlungsfähigkeit erlangen. Das Gebiet Silbersee ebenso wie die weiter geplanten interkommunalen Gewerbegebiete etwa in Jüchen, Grevenbroich und Rommerskirchen sind wichtig für unsere wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit.

Die Rheinbrücken bröckeln, auf der Autobahn 57 stehen wir im Dauerstau. Wie schädlich ist der Investitionsstau in der Infrastruktur für den Rhein-Kreis?

Abts Eine gute Infrastruktur ist Lebenselixier für unseren Wirtschaftsraum. Die Unternehmen schätzen ja gerade die optimale Erreichbarkeit unseres Standortes, das müssen wir erhalten. Der Hafen Rotterdam wird massiv ausgebaut, die Waren- und Güterströme in unsere Region nehmen zu. Wir müssen dies mit Wertschöpfung hier bei uns versehen. Dafür brauchen wir qualitativ hochwertige Verkehrsverbindungen auf Wasser, Straße und Schiene. Zeit im Stau bedeutet für die Unternehmen Betriebsstörung und Kosten.

Eine langsame Internetverbindung ist für viele Unternehmen genauso schlimm wie verstopfte Straßen. Wie groß ist der Nachholbedarf in der digitalen Infrastruktur?

Abts Jedes Gewerbegebiet im Rhein-Kreis sollte über die besten Breitband-Möglichkeiten verfügen, denn die Digitalisierung der Wirtschaft schreitet voran. Es ist aber nicht ganz einfach, mit den Kommunikationsdienstleistern hier immer eine gemeinsame Interessenlage abzubilden. Der Landrat hat den Städten und Gemeinden dazu die Hilfe des Kreises angeboten.

Zumal auch die IT-Branche im Wirtschaftsförderungskonzept ein neuer Schwerpunkt ist.

Abts Das Thema ist nicht komplett neu und wurde auch von der Politik als wichtig herausgehoben.

Außerdem sind Tourismus und Gesundheit neue Schwerpunkte. Welche konkreten Schritte sind geplant?

Abts Die Gesundheitswirtschaft boomt, Menschen investieren viel mehr selbst in ihre Gesundheit. Insofern ist das ein wachsender Markt, deshalb wollen wir uns damit weiter beschäftigen. Die Tourismuswirtschaft ist genauso ein wachsender Wirtschaftszweig, da könnten wir intensiver herangehen. Um das herauszufiltern, haben wir gemeinsam mit Krefeld und Mönchengladbach jetzt einen Untersuchungsauftrag an die Hochschule Niederrhein vergeben. Wir wollen dezidierte Erkenntnisse, wo die Chancen für den Rhein-Kreis Neuss liegen und wie wir Tourismusförderung dann strategisch verändern können.

Brauchen wir eine staatliche Hochschule im Rhein-Kreis?

Abts Dass eine öffentliche Hochschule eine große Attraktivität darstellt, darüber sind sich alle einig. 2008 sind wir nicht zum Zug gekommen. Wenn sich eine solche Möglichkeiten wieder stellt, wollen wir diese nutzen.

Welche Fachrichtung?

Abts Wissenschaftliche Arbeit und Forschung hat mit Innovation zu tun, und das kann in jede Richtung Früchte tragen. Es macht natürlich Sinn, nicht in Konkurrenz zu bestehenden Hochschulen zu treten.

Die Braunkohle prägt den Rhein-Kreis, und womöglich ist der Tagebau und die Verstromung von Braunkohle schneller beendet, als geplant. Wie wollen Sie Probleme des Strukturwandels wie im Ruhrgebiet im Kreis verhindern?

Abts Gerade für die Ansiedlung der energieintensiven Industrieunternehmen im Rhein-Kreis war die Braunkohle schon sehr entscheidend, es hängen viele Arbeitsplätze an der Energiewirtschaft und an der besagten Industrie. Diese Arbeitsplätze müssen wir hier halten. Konkret bedeutet dies: Versorgungssicherheit bei bezahlbaren Energiepreisen und ebenso Investitionssicherheit für die Unternehmen müssen gewährleistet sein. Der Strukturwandel hat schon begonnen. Dies gilt es als Herausforderung auch in der Wirtschaftsförderung annehmen und positiv für die Menschen im Rheinischen Revier zu gestalten.

ANDREAS GRUHN FÜHRTE DAS GESPRÄCH. MEHR: WWW.NGZ-ONLINE.DE

Quelle: NGZ
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