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Rhein-Kreis Neuss
Die kleine Kneipe in unserer Straße...

Fotos: Kultkneipen im Rhein-Kreis Neuss
Fotos: Kultkneipen im Rhein-Kreis Neuss FOTO: Tinter, Anja
Rhein-Kreis Neuss. Der liebevoller Klassiker, gesungen von Peter Alexander, lebt als geselliger Treffpunkt oder Nachrichtenbörse fort. In Dormagen im "Haus Bismarck", in Grevenbroich im "Struppe's" oder in Neuss "Em Fusseberg" und bei "Lebioda". Von Franziska Gräfe

Sie ist Debattierclub, Nachrichtenbörse, Partykeller und Hobbyraum. Die kleine Welt, in der sich jeder kennt. Ein Ritual, das Generationen verbindet, Mittelpunkt des Netzwerks, das ein funktionierendes Stadtviertel oder Dorf überspannt. Peter Alexander hat sie besungen, die kleine Kneipe in unserer Straße - "hier fragt Dich keiner, was Du hast oder bist". Zwischen Korn, Klops und Kegelbahn spielt sich das Leben ab. Vier Traditionshäuser im Rhein-Kreis beweisen, dass die Kneipenkultur quicklebendig ist.

"Urig" trifft es wohl am besten, will man die Atmosphäre im "Haus Bismarck" in Worte fassen. In der Traditionskneipe, eine der letzten ihrer Art in der Innenstadt, scheint die Zeit anzuhalten, seit dort 1957 das erste Kölsch aus dem Zapfhahn floss. Ziemlich mittig in der alten Theke klafft ein Loch - ob dort ein Zecher mal aus Wut über Pech im Spiel zugetreten hat, fragt man sich.

Der braun-gelb geflieste Mosaikfußboden zeigt Ausfallerscheinungen, weil der Estrich sich gesenkt hat. "Wird demnächst neu gemacht", sagt der Mann hinter der Theke. Uli Jung, ein Jahr jünger als die Kneipe, die er führt, setzt auf Tradition ohne Schnickschnack. Würfeln, Karten kloppen, Sauerbraten vom Pferd, Tuppen beim Kotelett am Montag und dienstags Reibekuchen - im Haus Bismarck findet man Kneipenkultur wie aus dem Lehrbuch. Vielleicht ein Grund dafür, dass dort noch die Lichter brennen, während ringsherum ein halbes Dutzend Kneipen seit der Jahrtausendwende dicht gemacht hat.

Jung ist immer da, sieben Tage die Woche an fast allen Tagen im Jahr, seit 22 Jahren. "Ich mag es, mit den Leuten zu spielen, zu zanken, zu reden - was ich mache, passt zu mir", sagt der nach eigenen Worten "Kneipier aus Leidenschaft", der erst nach mehr als 20 Jahren bei Bayer seine Berufung gefunden hat.

Ähnlich ging es Andreas Struppe. Viele Rhein-Kreisler kennen den Mann mit der sonoren Stimme aus seiner Zeit beim Neusser Lokalradio. Gemeinsam mit Ehefrau Irina führt der 47-Jährige seit anderthalb Jahren das "Struppe's" - ehemals Haus Wolf - in Grevenbroich-Allrath. Mit Geschick und Feingefühl hat das Paar den beliebten Treffpunkt modernisiert, ohne den Dorfkneipencharakter zu übertünchen. Helles Holz auf Tischen und Theke kontrastiert mit der dunkelbraunen, antiken Eckbank. Neben Biertrinkern und Keglern aus sämtlichen umliegenden Dörfern - die ebenerdige Bahn mit Tageslicht ist immer gebucht - entdecken zunehmend auch Nicht-Allrather, besonders Familien mit Kindern, die Traditionsgaststätte für sich. Dahinter steckt sicher auch die Neugier auf "Struppe's" Speisekarte: Wirtin Irina kocht mit viel Liebe auch Spezialitäten aus ihrer russischen Heimat.

Speisen abseits der rheinischen Brauhausküche stehen bei Hossein Assadpour dagegen nur im Sommer auf der Karte. Dann bietet der Iraner "Am Fusseberg" in Neuss-Helpenstein den Terrassengästen Leckereien aus seiner iranischen Heimat an. "Ich sah den Saal und den Biergarten und war fasziniert", lächelt Assadpour. Genau mit diesen beiden nach hinten gelegenen Schätzen punktet die Kneipe an der Harbernusstraße. Im Biergarten sitzen die Gäste im Sommer nicht auf Kies, Pflastersteinen oder Holzdielen: Nein, man trinkt sein "Uerige" mit Gras unter den Füßen. Bevorzugt Radler machen im Sommer bei ihm Station. Zwischen Kneipe und Biergarten liegt der Saal, ein wahres Schmuckstück mit Korbmobiliar, Terrakotta-Fliesen und freiem Blick auf den hölzernen Dachstuhl, von dem riesige Leuchter herabhängen. Der Clou: Wer dort feiern möchte, darf sein Essen auch selbst mitbringen.

Bei "Lebioda" an der Geulenstraße ist der Name Programm. In dritter Generation wird die "Traditionsgaststätte im Herzen der Neusserfurth" mit Kegelbahn und Schießstand als Familienbetrieb geführt. Sage und schreibe 19 Schützenzüge aus der Nordstadt versammeln sich dort. "Wir sind die Kneipe fürs Viertel", sagt Oliver Lebioda. Ist er nicht da, steht Mama Elke am Tresen, sonst Ehefrau Christin - wo Lebioda draufsteht, ist eben auch Lebioda drin.

An einem ganz normalen Mittwochabend knubbelt es sich an der Theke, im Gastraum ist nahezu kein Platz mehr frei. Marillenbrand steht im Regal, der ist beliebt. Dass auch die Jungen, vornehmlich aus dem Schützenverein, regelmäßig ins "Lebioda" kommen, freut ihn.

Quelle: NGZ
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