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NGZ-Gespräch mit Michael Hesemann, Autor
"Ein falsches Bild der Kirche"

NGZ-Gespräch mit Michael Hesemann, Autor: "Ein falsches Bild der Kirche"
An der Obererft geboren: Autor und Literaturwissenschaftler Michael Hesemann FOTO: NGZ
Ist das Jesus-Grab authentisch, regierte "Päpstin" Johanna wirklich und wurde der 33-Tage-Papst Johannes Paul I. tatsächlich ermordet? Der Neusser Autor Michael Hesemann räumt in seinem Buch "Die Dunkelmänner" auf im dichten Dschungel der Kirchen-Legenden.

Neuss (kath.net) Der Neusser Michael Hesemann zählt zu den erfolgreichsten deutschen Sachbuchautoren. In seinem neuesten rechnet er ab mit Dan Brown und Co.

Herr Hesemann, Sie haben ein neues Buch über die "Dunkelmänner" der verschiedenen "schwarzen Legenden" geschrieben, die über die Kirche verbreitet werden. Was ist das Ziel des Buches?

Michael Hesemann Reine Selbstverteidigung. Sie haben es wahrscheinlich auch schon erlebt: Sobald man bekennt, katholisch zu sein, wird man mit all diesen "schwarzen Legenden" konfrontiert. Plötzlich ist man mitschuldig an den Kreuzzügen, der Hexenverfolgung, der Verbrennung Giordano Brunos und der Ermordung des 33-Tage-Papstes. Da muss man dann stets mit einer Engelsgeduld seinem Gesprächspartner, der mit seinem gerade erworbenen Halbwissen zu brillieren versucht, erklären, dass es ja doch in Wirklichkeit ganz anders war. Für die, denen es an so viel Geduld fehlt, habe ich jetzt dieses Buch geschrieben. Sie brauchen jetzt nur noch sagen: Bitte, lesen Sie hier nach. Da steht drin, was wirklich geschah!

Also Aufklärung?

Hesemann Darum geht es mir. Denn es sind ja so viele Lügen, Mythen und Legenden um die Kirchengeschichte im Umlauf, aus denen sich ein völlig falsches Bild von der Kirche ergibt, dass man als Historiker einfach die Pflicht hat, sich zu Wort zu melden und die Sachen richtig zu stellen. In gewissen Publikationen wird der Vatikan ja geradezu zum Synonym für skrupellose Machenschaften und finstere Intrigen sinistrer Dunkelmänner erklärt. Nur komisch, dass ich ihn als akkreditierter Journalist so ganz anders erleben durfte.

Warum denken Sie, dass sich Bücher und Filme, die solche "Legenden" weiterspinnen, so gut verkaufen? Warum glauben etliche Leute offensichtlich eher gewisse Mythen als der Kirche selbst?

Hesemann Ach wissen Sie, das tut dem Ego gut. Auf der einen Seite wird der Leser solch klerikalkonspirologischer Sakralthriller ja zum Mitwisser, zum Eingeweihten dunkelster Geheimnisse erklärt und kommt sich damit ganz toll vor. Wie ein kleines Kind kann er sich freuen: "Ich weiß was, was Du nicht weißt!". Und dann erfährt er noch eine zweite, indirekte Aufwertung. Denn seit 2000 Jahren erklärt ihm die Kirche, dass er ein Sünder ist. Natürlich hört das niemand so gerne. Jetzt heißt es: Schau, die sind auch nicht besser als Du, sie sind sogar viel schlimmer! Also, Schluss mit der Demut, vorbei die Bescheidenheit! Nicht der Gläubige muss sich der Kirche unterwerfen, nein, die Kirche hat sich dem Gläubigen zu Füßen zu werfen, um Verzeihung für ihre Sünden zu bitten und sich gefälligst von ihm sagen zu lassen, was er noch zu glauben bereit ist. So werden die "schwarzen Legenden" von den "Dunkelmännern" der Kirche zur Rechtfertigung für einen Relativismus in Glaubensfragen.

Was halten Sie für die größte "schwarze Legende" in der (Kirchen)geschichte?

Hesemann Das ist schwer zu sagen, denn jede einzelne dieser "schwarzen Legenden" hat ihre eigene Wirkungsgeschichte und spielte irgendwann einmal eine große Rolle. Im vergangenen Jahr etwa sorgte die Legende von der Ehe Jesu mit Maria Magdalena für Schlagzeilen, in diesem Jahr das vermeintliche Jesus-Grab, davor waren es die "geheimen Evangelien" oder die vermeintliche Vertuschung der Schriftrollen vom Toten Meer. Trotzdem denke ich, die am meisten diffamierte Institution der Kirchengeschichte ist und bleibt die römische Inquisition, über die so viel Unsinn geschrieben wurde. Glücklicherweise hat in jüngster Zeit unter seriösen Historikern eine Neubewertung stattgefunden.

Ihr Buchtipp?

Hesemann Hans C. Zanders "Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition", die ich jedem Leser nur wärmstens empfehlen kann - einfach brillant provokativ! Der römischen Inquisition wird ja heutzutage alles und jedes in die Schuhe geschoben, sogar der Hexenwahn, obwohl der in Wirklichkeit bezeichnenderweise an der Grenze zum Kirchenstaat endete . . . und der ist natürlich auch so ein Kapitel: Da werden in gewissen Publikationen aus vielleicht 30 000 plötzlich über neun Millionen Opfer und dabei wird ganz vergessen, dass die bedauernswerten Frauen sämtlich von weltlichen Gerichten verurteilt wurden, oft genug unter dem heftigsten Protest der Kirche - und das in den katholischen ebenso wie in den protestantischen Regionen Mitteleuropas.

Ein populäres "Märchen" ist auch die Geschichte von der "Päpstin Johanna". Was sagt der Historiker dazu?

Hesemann "Märchen" ist schon das richtige Wort: Es war einmal ein armes Mädchen aus Ingelheim am Rhein - und jetzt wird dieses Märchen noch verfilmt mit Franka Potente in der Hauptrolle und Millionen von Menschen werden glauben, es sei wahr und bloß vom bösen, bösen Vatikan vertuscht worden. Der Witz dabei ist: Die wichtigste Quelle, auf die sich die modernen Märchenerzähler berufen, ist die Papstchronik eines päpstlichen Kaplans, Martins von Troppau, aus dem 13. Jahrhundert. Man glaubte die Geschichte damals, weil man im Mittelalter alles für möglich hielt, bis man sich mit Beginn der kritischen Geschichtsschreibung im 15. Jahrhundert wieder von ihr distanzierte. So einfach ist das. Nie wurden Quellen vernichtet, nie wurde versucht, etwas zu vertuschen.

Und wie war es wirklich?

Hesemann Tatsache ist: Über 400 Jahre lang, nämlich zwischen dem 9. Jahrhundert, als sie gelebt haben soll, und dem 13. Jahrhundert, als sie erstmals erwähnt wurde, wusste niemand etwas von einer "Päpstin Johanna". Es gibt nicht einen einzigen zeitgenössischen Hinweis auf ihre Existenz. Dabei haben wir exzellente Quellen aus dieser Zeit, die alles andere als romfreundlich waren, nämlich die Briefe und Schriften des rebellischen Patriarchen von Konstantinopel, Photios, der mit den Päpsten in heftigem Clinch lag und Rom alles und jedes unterstellte, nur eben keine Päpstin. Hätte sie gelebt, hätte er den Skandal genüsslich ausgekostet. Tatsächlich kennen wir durch zeitgenössische Urkunden und andere Quellen die Namen und Amtszeiten aller Päpste des 9. Jahrhunderts sehr genau. Da gibt es keine Lücke, in die eine Päpstin Johanna gepasst hätte.

Eine der jüngeren "Legenden" behauptet, der 33-Tage-Papst Johannes Paul I. sei ermordet worden. Was ist an dem Gerücht dran?

Hesemann Die einzig legitime Frage in Sachen Johannes Paul I. ist die, wie die Kardinäle damals einen schwer kranken Mann zum Papst wählen konnten. Die Antwort: Es war ein Kommunikationsproblem! Schon als Paul VI. Albino Luciani zum Patriarchen von Venedig bestimmte, erwiderte dieser, er sei der falsche Mann, er sei zu schwach und zu krank für dieses Amt. Der Papst dachte sich nur: Wie wunderbar, wie demütig, wie bescheiden - er ist genau der Richtige. So muss es den Kardinälen beim Konklave gegangen sein. Für sein gesamtes privates Umfeld, seine Sekretäre, seine ehemalige Haushälterin, seinen Bruder, seine Schwester, seine Nichte, die eine prominente Ärztin ist, ist sein Tod keineswegs mysteriös, sondern nur der traurige Abschluss einer langen Krankengeschichte.

Das klingt wenig mysteriös . . .

Hesemann Ja, vor seiner Wahl erlitt er eine Embolie am Auge, immer wieder klagte er über geschwollene Beine und venöse Stauungen, und so deutet alles darauf hin, dass er einer Lungenembolie zum Opfer fiel. Alles andere ist Unsinn! Niemand hätte ein Motiv gehabt, ihn zu ermorden. Kurz vor seinem Tod hatte er noch in einem Interview erklärt, er plane keinerlei Umbesetzungen in der römischen Kurie. Der Bankenskandal, in den - als Opfer! - Erzbischof Marcinkus und die "Vatikanbank" involviert waren, entwickelte sich erst neun Monate nach seinem Tod.

Und was war Anlass der Verschwörungstheorien?

Hesemann Tatsächlich ging es doch bei den ganzen Gerüchten um die vermeintliche Ermordung Johannes Pauls I. in erster Linie darum, seinen Nachfolger zu diffamieren und als Strohmann der Verschwörer darzustellen. Dabei war die Wahl Johannes Pauls II. doch ein Segen nicht nur für die Kirche, sondern für die ganze Welt, denn sie löste eine Ereigniskette aus, die schließlich die Mauer, die Europa trennte, fallen ließ und Millionen von Menschen die Freiheit schenkte. Da fragt man sich, wessen Interesse es war, den Wojtyla-Papst zu diffamieren . . .

Wer hat Ihrer Meinung nach eigentlich Interesse, solche "Märchen" weiterzuverbreiten?

Hesemann Heute ist das Hauptmotiv Opportunismus. Greife die Kirche an und Du machst Auflage - nach dieser Zauberformel arbeiten Autoren in der ganzen Welt. Yallop, von dem das Konstrukt über die "Ermordung" Johannes Pauls I. stammt, konnte sich von den Tantiemen ein ganzes Schloss kaufen, Vandenberg ("Die sixtinische Verschwörung") eine Villa am Starnberger See, Donna Cross ("Die Päpstin") ein Landhaus in Neuengland, Dan Brown verkaufte rund 50 Millionen Bücher und auch Lincoln, Baigent und Leigh, deren Idee er abkupferte, sind mittlerweile mehrfache Auflagenmillionäre.

Auflage - der einzige Grund?

Hesemann Es gibt und gab immer auch ideologische Interessen daran, die Kirche zu diffamieren. Mal waren es die Protestanten, die "schwarze Legenden" in die Welt setzten, dann Aufklärer und Revolutionäre und mit ihnen die Freimaurer, schließlich totalitäre Regimes des 20. Jahrhunderts. Peinlich wird das, wenn man liest, was Dan Brown über die Hexenverfolgung schreibt - und feststellt, dass einst Alfred Rosenberg, der Chefideologe der Nazis, ähnlich argumentierte. Heinrich Himmler ließ sogar in sämtlichen Archiven Deutschlands nach den Zahlen ermordeter Hexen fahnden, mit denen er die Kirche konfrontieren und diskreditieren wollte - und war ziemlich erbost darüber, dass auch seine SS-Bürokraten auf kaum mehr als 30 000 kamen. Unlängst erklärte der ehemalige Leiter des rumänischen Geheimdienstes, General Pacepa, dass Rolf Hochhuths "Der Stellvertreter" - die Diffamierung Pius XII. - im Auftrag des KGB verfasst worden sei. Da zeigt sich schnell, wer die wirklichen Dunkelmänner sind.

Audienz in Rom: Eines der ersten Exemplare seines Buchs "Die Dunkelmänner" übergab Michael Hesemann an Papst Benedikt XVI.. Fotos: woi (1)/Privat (3)

Vor-Ort-Recherche: Michael Hesemann forscht in Reliquien- und Grabkammern - auf der Suche nach dem Heiligen Gral oder der "wahren" Kreuzesinschrift.

Gute Kontakte zur Kirche: Michael Hesemann und Mit-Autorin Yuliya Tkachova bei einer Audienz bei Don Carlos Osoro, dem Erzbischof von Oviedo (Spanien).

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