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Heimat entdecken im Rhein-Kreis Neuss
Ein Kunst-Streifzug durchs China-Schilf

Heimat entdecken im Rhein-Kreis Neuss: Ein Kunst-Streifzug durchs China-Schilf
Kunst und Natur - das kennzeichnet auch das Dycker Feld gegenüber von Schloss und Schlosspark. Ein Idyll, das die Entdeckung lohnt. FOTO: Anja Tinter
Rhein-Kreis Neuss. Vor rund 13 Jahren wurde das Dycker Feld als Teil der Landesgartenschau unter anderem mit Miscanthus neu gestaltet. Seitdem steht es jedoch im Schatten des Schlossparks. Dabei ist ein Besuch zu jeder Jahreszeit ein Gewinn. Von Helga Bittner

Der Name ist geblieben und erinnert daran, was dort mal war: Acker. Das Dycker Feld. Während auf der einen Seite der Landstraße immer noch alte Obstbäume stehen und regelmäßige Ernten bringen, ist das Dycker Feld gegenüber fast ein Erlebnispark geworden. Aber einer der ruhigen Sorte. In dem man spazierengehen kann, viel zu schauen, viel zu denken hat. Wenn er nicht gerade von Kindern erobert wird, deren Jauchzen beim Wippen und Schaukeln auf einem großen und dafür gedachten Pflug, beim Versteckenspielen oder Ballwerfen durch das Schilf dringt. Aber beide vertragen sich an diesem Ort, der auch ein bisschen was einem Labyrinth hat: der ruhige Spaziergänger und das abenteuerlustige Kind.

Das Dycker Feld ist ein Stück gewandelte Heimat im Rhein-Kreis. Und vielleicht hat sich deswegen der Name "Neue Gärten" - wegen der angelegten 24 Themengärten - auch nur als Beiwerk durchgesetzt. Wer dort auf den Wegen den Miscanthus umkreist, diese Wäldchen aus wogendem China-Schilf, das längst seine vor rund 13 Jahren versprochene Höhe von mehr als drei Metern erreicht, der besucht immer noch das Dycker Feld. Das zudem noch einen Nutzwert hat, denn das China-Schilf wird regelmäßig abgeerntet und weiterverarbeitet.

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Doch in Gedanken ist es nur ein Sprung von diesem Stück Heimaterde hinaus in die weite Welt. Wer einfach stehen bleibt, die Augen schließt und sich vom Rauschen des Schilfs einhüllen lässt - der wähnt sich für einen seeligen Moment am Meer. Denn wenn der Wind die Miscanthus-Halme wiegt (und Wind ist dort immer), dann liegt ein feines Brausen in der Luft. Als ob kleine Wellen auf Sand schlagen.

Rund 24 Hektar ist das Feld groß, das zur dezentralen Landesgartenschau 2002 vom Landschaftsarchitekten Stephan Lenzen umgewandelt wurde und anfangs auf Skepsis stieß. Jede Menge China-Schilf auf einem Acker in Jüchen? Dummes Zeug!, hat mancher gedacht, aber sich damals wohl auch nicht vorstellen können, welch großen Reiz diese wogenden Schilf-Wälder zusammen mit den in ihnen versteckten Garten-Überraschungen entwickeln werden.

Aber was heißt schon versteckt: Im Winter sind Ulrich Rückriems "Zehn Variationen eines Blockes" auch von der Straße aus zu sehen, im Sommer hinter Wänden aus dem mehr als drei Meter hohen Miscanthus verschwunden. Und doch ist es ein Aha-Erlebnis, ist es wie ein Aufatmen, wenn sich nach dem Laufen entlang einer Schilf-Wand der Raum plötzlich auftut und die Skulpturen von Rückriem regelrecht heraustreten.

Der Stein leuchtet fast in all dem Grün, in dieser eigentlich ursprünglichen Natur, die doch so geschickt und klar geformt ist. In sanften Wellen der Boden, in schnurgeraden Linien die plattierten Wege und in rechtwinkligen Feldern der Miscanthus.

Denn das ist das Verblüffende an diesem Ort: Er ist von Menschenhand gemacht, aber der Natur überlassen. Ob gewollt oder nicht: Maulwürfe fühlen sich dort ebenso wohl wie Disteln, so mancher Themengarten ist in der Form gut erkennbar das Zitat eines geplanten Stücks Natur, im Bewuchs aber der Wildheit anheimgegeben. Kieswege lassen sich von Flechten und Unkraut erobern, Lavendelbeete wuchern zu kleinen Feldern, Laub modert in Wasserrinnen.

Die Themengärten tragen klangvolle Namen wie "Hain des Heron" und "Isola Bella" oder auch sprechende wie "Zur schönen Aussicht" oder sogar "Ein Bett im Kornfeld". Aber wissen muss man diese Namen nicht, um den Blick von der Bank auf Büsche und Bäume von einem explodierenden Rot zu genießen oder innerhalb eines ummauerten Areals den Eroberungszug der Natur mit philosophischen Gedanken zu begleiten.

Dabei wandelt das Dycker Feld sein Gesicht mit jeder Jahreszeit. Immer noch.

Quelle: NGZ
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