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Essex/England
Zeremonie mit Robe und Hut

Essex/England: Zeremonie mit Robe und Hut
Auszeichnung für Tanja Schäfer: Der sogenannte Mortarboard mit kurzer Quaste darf nur im Freien getragen werden. FOTO: on
Tanja Schäfer lebt seit 2006 in England. An der Uni in Leicester hat sie nun ihr Studium beendet.

Über neun Jahre lebe ich nun schon in England, weiterhin in Essex. In diesem Sommer habe ich es richtig ausgenutzt, in der Nähe des Meeres zu wohnen, und war zum Beispiel im "Thames esturay" (dort, wo die Themse in die Nordsee mündet) Kanufahren.

Mein größtes Erlebnis dieses Jahres ereignete sich im Januar. Seit September 2012 habe ich neben der Arbeit an der University of Leicester studiert und im Oktober 2014 nun meinen Master erfolgreich abgeschlossen. Im Januar fand die Verleihung an der Uni statt, an der meine Eltern teilnahmen.

Leicester ist eine Stadt, die in Deutschland vielleicht nicht besonders bekannt ist, aber eine sehr interessante Geschichte hat. Mit einer Größe von etwa 330.000 Einwohnern ist die Stadt etwa so groß wie Neuss und ist geschätzt auch 2000 Jahre alt – damit ist sie einer der ältesten Siedlungen Englands.

Die Verleihung der Master-Abschlüsse fand in der DeMontfort Hall statt. Das ist eine große Festhalle, die zu diesem Zweck von beiden in Leicester ansässigen Universitäten genutzt wird. Es gibt große Unterschiede zu amerikanischen Verleihungen, bei denen auch Roben getragen werden.

Die Standardbekleidung in England ist eine offene Robe, darunter die eigenen Kleidung, und ein Mortarboard (Hut) mit kurzer Quaste. Der Hut darf nur im Freien oder für Fotos getragen werden, nicht bei der Verleihung. Und es wird sehr darauf geachtet, dass die Quaste auf der linken Seite getragen wird, weil dies Tradition ist (im Gegensatz zu Amerika, wo die Quaste nach der Verleihung auf die andere Seite gelegt wird). Der "Schal" der getragen wird, gibt Auskunft über den Grad und die Art des Abschlusses, ist aber von Uni zu Uni unterschiedlich.

Die Verleihung war sehr feierlich. Der Kanzler und die Fakultätsleitungen nahmen in ihren Roben teil – und man hatte das Gefühl, dass in jedem Moment die Queen den Raum betreten könnte (tat sie leider nicht). Dafür wurde George Hicks, einem englischen Schauspieler, die Ehrendoktorwürde verliehen.

Die Zeremonie fand an einem Nachmittag statt, zuvor hatten wir einen unvergesslichen Tag: Roben abholen, Fotos machen, der Familie den Campus zeigen – wir waren über Stunden beschäftigt.

Seit dem Sommer bringe ich bei englischen Feiern etwas "German Spirit" mit. Ich bin jetzt stolze Besitzerin eines Dirndls und trage das zu solchen Anlässen. Das spart mir zum einen den Aufwand – wie es die meisten Engländer tun –, zu jedem Event ein neues Kleid zu kaufen und zum anderen ist es hier sehr beliebt, weil ein Dirndl "etwas anderes" ist.

Ein weniger schönes Erlebnis war für mich in diesem Jahr das Kennenlernen des englischen Gesundheitssystems. Krankenkassen, wie in Deutschland, gibt es nicht. Jeder ist automatisch im "NHS" (National Health Service) registriert und die Behandlung ist kostenlos. Die Beiträge werden direkt vom Gehalt bezahlt.

Leider ist das System bürokratisch. Der Hausarzt hat eine "Pförtner"-Funktion. Wenn man krank ist und keinen Termin bekommt, ist das halt so und man muss in die Notaufnahme. Der Hausarzt schickt einen für alle Behandlungen in eine Klinik oder zum Facharzt.

Man wartet dann, bis diese Klinik sich meldet und das kann schon mal mehrere Wochen dauern. Zumeist schriftlich wird ein verbindlicher Termin geschickt. Von englischen Krankenhäusern hört man schon mal "Horrorstories". Gemischte Zimmer mit sechs Betten sind keine Seltenheit sowie Vorhänge zwischen den Betten. Zimmertüren gab es – zumindest auf meiner Station – nicht.

Und entlassen wird man so schnell wie möglich, auch nach größeren OPs, oft schon am gleichen Tag. Aus eigener Erfahrung kann ich allerdings sagen, dass die medizinische Versorgung hervorragend ist. Krankenschwestern müssen hier studieren. Tätigkeiten wie die Essensverteilung erledigt in England ein "Health Assistant". Aus meiner Sicht ist das Gesundheitssystem anders, aber nicht besser oder schlechter.

Weihnachten verbringe ich dieses Jahr in England. Mit meiner Familie in Deutschland habe ich Mitte Dezember ein "verfrühtes" Weihnachtsfest gefeiert. Dabei habe ich auch den Neusser Weihnachtsmarkt besucht.

In England feiere ich am 25. Dezember – wie hier üblich mit Truthahn, Kartoffeln und Brokkoli. Den heiligen Abend – wie in Deutschland – gibt es hier nicht. Ich wünsche allen Lesern ein tolles 2016 und viel Gesundheit.        

 

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