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Rhein-Kreis Neuss
"Kompass D": Flüchtlingshilfe bis 2019

Rhein-Kreis Neuss: "Kompass D": Flüchtlingshilfe bis 2019
Der Lenkungsausschuss der Initiative "Kompass D" (v.l.): J.-Andreas Werhahn, Anton Werhahn, Christiane Zangs, Dirk Brügge, Christoph Buchbender, Christina Jacke, Julian Sels und Jutta Zülow. FOTO: Andreas Woitschützke
Rhein-Kreis Neuss. Ein Jahr nach dem Start ziehen die Initiatoren aus der Wirtschaft mit Partnern aus Stadt und Rhein-Kreis Neuss Bilanz. Von Frank Kirschstein

Die Finanzierung steht, die Organisation ist aufgebaut, die richtige Mannschaft ist an Bord - "Kompass D", die Initiative von Neusser Unternehmern, die jungen Flüchtlingen mit gezielter Qualifizierung helfen will in Ausbildung und Arbeit zu kommen, "läuft", so fasste es J.-Andreas Werhahn von der Werhahn-Stiftung jetzt bei einem Treffen des Geberkreises für die Aktion zusammen.

Vor einem Jahr, als immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war die Idee im Hause Werhahn entstanden. Bei einem Unternehmer-Forum unserer Zeitung stieß sie auf große Resonanz bei Vertretern von Neusser Unternehmen, die finanzielle Unterstützung zusagten. Die summiert sich inzwischen auf 800.000 Euro. "Würde man die ehrenamtliche Leistung vieler Beteiligter einrechnen, wären wir spielend bei einer Million Euro", sagte Werhahn. Bis 2019, so seine Botschaft, werden die finanziellen Mittel reichen, um Jugendliche und junge Erwachsene, die als Flüchtling in den Rhein-Kreis gekommen sind, zu unterstützen.

Rund 60 junge Leute im Alter zwischen 15 und 25 Jahren werden zusätzlich zum Schulunterricht individuell gefördert. Dafür werden sechs "Lotsen" beschäftigt, die in vier Klassen nicht nur die Sprachkompetenz fördern sollen. Auf dem Stundenplan stehen auch Gesellschafts- und Berufskunde, Heimatkunde und Werksbesichtigungen. Für Werhahn ebenso wichtig: Den jungen Menschen den Begriff der Freiheit näher bringen, auch im Sinne einer freiheitlichen Staatsordnung, zu der Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Marktwirtschaft gehören. "Unsere Kinder werden damit groß, 18 Jahre lang. Wir stehen vor der Aufgabe, das nun Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen in wenigen Monaten zu vermitteln." Zum Konzept gehört deshalb neben dem Unterricht in den Berufsbildungszentren und Unternehmer-Tagen, bei denen Firmenvertreter Betriebe und Berufe vorstellen, auch Exkursionen, zum Beispiel ins Amtsgericht. Das stoße bei den meisten Teilnehmern auf hohes Interesse.

Manche Bemühung scheitere jedoch auch - ein Lernprozess für die Kompass-D-Mannschaft. Werhahn berichtete zum Beispiel von einer jungen Frau aus dem Projekt, die plötzlich "weg" war, jung verheiratet und umgezogen in eine andere Stadt. "Das hat uns erstmal geschockt", so Werhahn. Letztlich könne "Kompass D" in solchen Fällen jedoch wenig bewegen. Die Initiative müsse sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren. Dazu gehört auch das Werben bei Unternehmern - und zwar nicht nur um finanzielle Unterstützung. "Viele, die zu uns kommen, haben keinen Haupt- oder Realschulabschluss, dafür aber viele andere Qualifikationen. Das bedeutet, dass Personalverantwortliche bei Einstellungen neu denken müssen", sagte Firmenchefin Jutta Zülow, ebenfalls bei "Kompass D" engagiert. Werhahn warb dafür, bei der Vergabe von Jobs und Ausbildungsplätzen "etwas rheinischer" zu handeln und überzeugenden Persönlichkeiten auch ohne passendes Zeugnis eine Chancen zu geben. Solche Anstöße sind für Claudia Neu, Professorin an der Hochschule Niederrhein und zuständig für wissenschaftliche Begleitung des Projekts, ein Beispiel dafür, dass im Zuge der Bewältigung der Flüchtlingskrise gesellschaftliche Veränderungen in Gang gesetzt werden könnten, die generell vonnöten seien. "Denken Sie an den demografischen Wandel. Wir haben uns viel zu lange um die Kinder der Abgehängten in der Gesellschaft nicht gekümmert. Das werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können." Landrat Hans-Jürgen Petrauschke lobte "Kompass D" beim Gebertreffen denn auch als "Superidee, die eben nicht nur eine Idee geblieben ist". Jugendliche in Ausbildung und Arbeit zu bringen, sei nicht nur für den einzelnen, direkt Betroffenen entscheidend: "Dabei geht es auch um die Zukunft unserer Gesellschaft." Menschen, die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten, unabhängigen Leben hätten, seien wahrscheinlich weniger motiviert, "sich die Köpfe einzuschlagen". Petrauschkes Appell an die Initiatoren von "Kompass D": "Nicht aufhören!" Für Initiatoren und Unterstützer des Neusser Projekts ist das zur Zeit auch kein Thema - trotz einiger Widerstände in staatlichen Institutionen, die ebenfalls mit Flüchtlingen arbeiten. Ein Problem, das Werhahn auch durch manche Betreuer von Flüchtlingen verursacht sieht: "Es wird mit aller Gewalt versucht, die Menschen zum Abitur oder zum Studium zu bringen." Dabei sei bekannt, dass selbst in Syrien, wo das Bildungsniveau vergleichsweise hoch ist, Jugendliche nach Angaben der OECD 4,3 Jahre weniger Unterricht bis zum Abitur haben als deutsche Schüler. "Das müssen wir berücksichtigen", sagte Werhahn. Der Wert der beruflichen Ausbildung im Betrieb werde unterschätzt, obwohl dieser Weg für viele Flüchtlinge angesichts ihrer Qualifikationen oft der erfolgversprechendste sei.

Claudia Neu sieht "Kompass D" auch deshalb als Vorreiter: "Jetzt entwickeln staatliche Institutionen langsam ähnliche Modelle, bei denen Unternehmen ins Boot geholt und neben Bildung auch freiheitliche Werte vermittelt werden." Für Werhahn ist das kein Problem: "Unser Projekt ist auf dreieinhalb Jahre ausgelegt, danach müssen wir ,überflüssig' werden." Noch aber werde "Kompass D" gebraucht, der Bedarf sei hoch.

Das bestätigte die Professorin der Hochschule Niederrhein und verwies dazu unter anderem auf Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von mehr als 2300 geflüchteten Menschen. Danach streben 46 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge noch einen allgemeinbildenden Schulabschluss in Deutschland an, 66 Prozent einen beruflichen Abschluss. "Kompass D" sieht sich dadurch bestätigt, ebenso wie durch Erkenntnisse zu den Wertvorstellungen von Flüchtlingen: Diese weisen, so die Studie, viele Gemeinsamkeiten mit der deutschen Bevölkerung auf. So unterstützen 96 Prozent der befragten Flüchtlinge die Aussage, dass "man ein demokratisches System haben sollte".

Quelle: NGZ
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