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Rückblick auf 200-jährigen Geschichte
Abschied vom Rittergut
Rückblick auf 200-jährigen Geschichte. Von Ursula Reisdorf Das letzte Kapitel einer gut 200-jährigen Geschichte geht zu Ende: Die Familie Leuffen verlässt im Zuge der Umsiedlung ihr historisches Anwesen in Otzenrath und zieht auf einen Hof bei Allrath.

Wo früher Häuser standen, klaffen Lücken. An leerstehenden Gebäuden sind Fenster und Türen zugenagelt, ganze Straßenzüge sind bereits unbewohnt. Der Ort wird immer kleiner, ist förmlich auf seinen Kern rund um die beiden Kirchen zusammengeschrumpft: Alt-Otzenrath ist ein Geisterdorf, so scheint es bei diesem abendlichen Streifzug im Herbst. Doch hier und da regt sich noch Leben. Bei der Familie Leuffen, die das historische Rittergut bewohnt, brennt noch Licht. Zwei Generationen sitzen gemeinsam im Esszimmer, planen die Zukunft und nehmen sich Zeit für einen Rückblick.

Der Abschied von Otzenrath naht: Nur noch mit einem Fuß stehen Jung-Landwirt Christian Leuffen und seine Familie im alten Ort, gehören damit aber zu den letzten, die die Heimat verlassen werden. Mit dem anderen Fuß sind Leuffens schon in ihrem neuen Zuhause, dem Roeberhof bei Allrath. "Mittlerweile sind wir froh, wenn auch wir weg sind", erzählt der Senior, Hermann Leuffen, der in den 60er Jahren den Hof übernahm und damals aus Nettesheim in das Rittergut seines Onkels zog. Direkt neben dem Eingang zeugen Löcher und Spuren an den Wänden von Bildern, die längst abgehängt wurden. Der päpstliche Orden, den Johann Benjamin Leuffen von Papst Leo XIII. verliehen bekam, hängt indes noch im Büro. Selbst die antike Haustür wird mit umziehen und im neuen Hof eingebaut.

Der Glockenturm, der einst zu den Mahlzeiten und zum Kirchgang bimmelte, soll auf dem Roeberhof ebenfalls ein besonderes Plätzchen finden. Den Weißen Stein, ein Findling, der vor dem Rittergut lag, hat Christian Leuffen schon "rübergekarrt". Die Geschichte des Rittergutes Leuffen ist eng mit der Geschichte Otzenraths verbunden. Es stand schon, ehe es den Ort gab, dessen Ursprung zweifelsohne auf dem ehemaligen Kapitelshof zu suchen ist, einem karolingisch-fränkischen Königsgut, das dem adeligen Damenstift Maria im Kapitol zu Köln geschenkt wurde. Im Jahre 1803 ging der Kapitelshof aus Kirchenbesitz in das Eigentum einer gewissen Helene Cürten über, die von Heinrich Leuffen in zweiter Ehe geheiratet wurde.

"Heinrich Leuffen hatte in Gohr gelebt", berichtet Hermann Leuffen über die Anfänge seiner Vorfahren in Otzenrath. Das Verhältnis der Leuffens zur Kirche blieb über die Jahrzehnte sehr eng. Christian, Benjamin und Franz Leuffen erwiesen sich als großzügige Gönner. Kirche, Friedhof und Kindergarten stehen auf Land, das von der Familie gestiftet wurde. Ein Onkel war Dechant in Elsen, eine Tante Nonne im Kloster Ahrweiler, zählt Leuffen auf. Seine kinderlose Tante Josefine vermachte gar ihr Vermögen der Kirche. Sieben Generationen lebten und wirtschafteten in Otzenrath. Vielseitige Landwirte seien seine Vorfahren gewesen, erinnert sich der 59-jährige Hermann Leuffen. Rund 15 Menschen lebten früher in den riesigen Wohngebäuden an der Hofstraße, versorgten Hühner, Schweine, Schafe und arbeiteten auf den Feldern. "Der Lohn war gering. Doch die Arbeiter erhielten in der Landwirtschaft Deputate, freies Wohnen, Kartoffel, Brikett und Holz."

Die Gärten seien nur zur Selbstverpflegung genutzt worden. Christian ist der jüngste Spross der Familie und tritt als Landwirt in die Fußstapfen seines Vaters. In dieser Woche kam er in Otzenrath ein letztes Mal "aus den Kartoffeln". Mit seiner Frau Anja wohnt er im Hofhaus im Innenhof des Gutes. "Manche Ecke sähe anders aus", sagt er entschuldigend. "Wenn man weiß, dass man wegzieht, investiert man nicht mehr so viel Zeit in die Pflege und Instandhaltung. Der Park ähnelt heute einer Wildnis. Früher war er traumhaft", schwärmt der 29-jährige weiter und seiner Mutter fällt ein, dass Kinder zum Sammeln der Kastanien in den rund 7000 Quadratmeter großen Park kamen, der wie der Hof von einer Mauer umgeben war. "Auch unser Sohn Michael, der in Bochum lebt und mit der Landwirtschaft nichts zu tun hat, hängt sehr an dem Gut und bedauert, dass er bald nicht mehr nach Hause kommen kann", meint Katharina Leuffen.

Selber sei man aber "so im Brass" mit Planung, Umbau und dem laufenden Betrieb, dass keine Zeit bleibe, viel nachzudenken. "Das kommt bestimmt, wenn wir zur Ruhe kommen." Das wird dann schon auf dem Roeberhof sein. Als die Anlage zum Verkauf stand entschied Christian mit seiner Frau, das Anwesen wegen seines geschichtlichen Flairs zu kaufen, auch wenn der Einsiedlerhof außerhalb und nicht - wie der derzeitige Familiensitz - mitten im Dorf liegt. Doch einige antike Stücke wie das Familienwappen und Pfosten der alten Treppe werden die Leuffens auch künftig an ihr Rittergut in Otzenrath erinnern. Porträt Christian Leuffen

Quelle: NGZ
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