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Sportgeschichten (75)
Als eine Sekunde zum Aufstieg fehlte

Sportgeschichten (75): Als eine Sekunde zum Aufstieg fehlte
Total frustriert: Marcel Wernicke, Tobias Plaz, Betreuer Herbert Genzer und Physiotherapeut Klaus Pelzer (v.l.) nach dem "Sekundentod" am 13. Juni 2006 gegen den Wilhelmshavener HV. FOTO: Lothar Berns
Neuss. Wenn Handball-Zweitligist TSV Bayer Dormagen heute Abend im Bayer-Sportcenter auf den Wilhelmshavener HV trifft, werden Erinnerungen an das Relegationsdrama vom 13. Juni 2006 wach. Co-Trainer Tobias Plaz war damals als Spieler dabei. Von Volker Koch

Dormagen Es gibt Sportereignisse, die vergisst keiner, der sie erlebt hat. Der Abend des 13. Juni 2006 gehört dazu. Und das nicht nur aus Sicht des TSV Bayer Dormagen. "Die 'Beziehung' zwischen Bayer Dormagen und dem Wilhelmshavener HV - sie wird, egal was in welcher Liga noch kommen mag, auf immer und ewig mit jenem Relegationsspiel am 13. Juni 2006 verbunden sein, als Jacek Bedzikowski mit seinem Treffer in letzter Sekunde die Wilhelmshavener auch im vierten Jahr in der 1. Bundesliga hielt. So wie in Zeiten des Fußball-EM-Qualifikationsspiels der Deutschen gegen Polen an die Wasserschlacht aus dem Jahre 1974 erinnert wird, so denken WHV-Fans unweigerlich an das Relegationsdrama 2006", schreibt Martin Münzberger in der gestrigen Ausgabe der Wilhelmshavener Zeitung.

Total frustriert: Szabolcs Laurencz und Trainer Kai Wandschneider (v.l.).

Der Sportredakteur erinnert sich: "Ich habe noch nie so viele Menschen bei einem Sportereignis weinen gesehen wie an diesem Abend." Da wird auch Tobias Plaz dabei gewesen sein. "Wir hatten unglaublich gut gespielt vorher. Und wie dann dieser allerletzte Wurf noch ins Tor reingedaddelt ist, irgendwie um die Hand oder den Fuß von Jojo Kurth herum - das vergisst du nicht", sagt der 33-Jährige. Als aktueller Co-Trainer - "es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, als Spieler aufzuhören und in dieser Funktion an der Mannschaft dranzubleiben", sagt Plaz - ist er der einzige im Dormagener Kader, der das Drama vor neun Jahren "live" miterlebt hat. Auf Seiten der Gäste sind bei der heutigen Neuauflage noch drei dabei: Der mittlerweile 40 Jahre alte Adam Weiner steht nach Abstechern zu mehreren Erstliga-Klubs wieder zwischen den Wilhelmshavener Torpfosten. Christian Köhrmann, der damals ein Tor erzielte, sitzt sein vier Jahren auf der Trainerbank der Norddeutschen, sein Bruder Oliver (Tore damals 5/2) zieht seit seiner Rückkehr vom TV Großwallstadt vor zwei Jahren auf der Mittelposition die Fäden - sein Einsatz heute Abend ist allerdings wegen eines Muskelfaserrisses fraglich.

"Das Spiel war sensationell, die Stimmung unglaublich", sagt Tobias Plaz noch heute über diesen schwül-warmen Dienstagabend in der mit 2572 Zuschauern (damals) ausverkauften Halle, "nur der Ausgang hätte natürlich besser sein können aus unserer Sicht." Für die Nachgeborenen sei kurz die Vorgeschichte erzählt: Dormagen wird unter Trainer Kai Wandschneider Vizemeister in der Zweiten Liga Süd hinter der HBW Balingen/Weilstetten. In der ersten Relegationsrunde setzen sie sich gegen Nord-Vizemeister Ahlener SG mit 31:27 und 29:26 durch. In den entscheidenden Partien um den Aufstieg treffen sie auf den Bundesliga-Drittletzten Wilhelmshavener HV - und liegen im Hinspiel in der Nordfrost-Arena nach 13 Minuten mit 3:13 im Hintertreffen.

Am Ende heißt es 32:22 für die vom Ex-Dormagener Michael Biegler trainierten Norddeutschen. Ein Rückstand, so sagen die "Experten", der nicht aufzuholen ist. Trotzdem strömen die Fans an diesem Dienstagabend ins Sportcenter, wo alles seinen scheinbar normalen Gang zu nehmen scheint. Zur Pause führen die Gastgeber mit 16:12. "Doch als Jacek Bedzikowski" - der Pole trug von 1998 bis 2001 das Bayer-Trikot - "30 Sekunden nach Wiederbeginn die Gäste auf 13:16 heranbrachte, schienen die Dormagener Hoffnungen wieder auf dem Nullpunkt angelangt zu sein", heißt es im Spielbericht der NGZ vom 14. Juni 2006.

Doch Bayer spielt sich in einen Rausch: Beim 30:20 (52.) ist der Vorsprung des WHV aus dem Hinspiel aufgeholt, Florian Wisotzki erhöht sogar auf 33:21. Und als Michiel Lochtenbergh 28 Sekunden vor Schluss vom Siebenmeterpunkt zum 34:23 verwandelt, scheinen die Dormagener am Ziel ihrer Träume.

"Beim Zurücklaufen habe ich auf die Hallenuhr geschaut und gedacht: Scheiße, 25 Sekunden sind einfach zu lang", sagt der Niederländer später. In der Tat bekommen die Gäste drei Sekunden vor dem Schlusspfiff einen Freiwurf zugesprochen - und den mogelt Bedzikowski irgendwie ins Tor. Wilhelmshaven bleibt aufgrund der mehr erzielten Auswärtstore Erstligist, Bayer muss den Aufstieg verschieben. "So ist Sport", sagt Bedzikowski, später Co-Trainer von Michael Biegler bei der polnischen Nationalmannschaft.

Heute Abend, glaubt Tobias Plaz, wird es nicht so dramatisch zugehen. "Aber es wird auch nicht so einfach, wie viele von der Papierform her vielleicht denken", sagt der Co-Trainer. Wilhelmshaven sei zwar Aufsteiger, "aber die haben eine eingespielte Mannschaft", was sie von Auftaktgegner Ferndorf unterscheide. Trotzdem steht für ihn fest: "Zu Hause haben wir gegen jede Mannschaft eine Chance." Die Entscheidung muss ja nicht erst in der letzten Sekunde fallen.

Info Spielbeginn ist heute um 19 Uhr im TSV-Bayer-Sportcenter. Karten gibt es noch im Vorverkauf in der Dormagener City-Buchhandlung, Kölner Straße, online unter www.handball-dormagen.de und ab 17.30 Uhr an der Tageskasse.

Quelle: NGZ
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