| 00.00 Uhr

Lokalsport
Bei Jutta Schäfer dreht sich alles um Pferde

Lokalsport: Bei Jutta Schäfer dreht sich alles um Pferde
Im Leben von Jutta Schäfer dreht sich alles um Pferde, kein Wunder bei ihrem "Stammbaum". Auch an der Wohnung in Reuschenberg ist das beherrschende Thema nicht spurlos vorübergegangen. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Ihr Vater Georg Zuber trainierte einst in Neuss den Derbysieger Tarim - und der Patenonkel der Reuschenbergin heißt Hein Bollow. Von Klaus Göntzsche

Für die Tochter eines Trainers von Rennpferden war das selbstverständlich: Auch Heiligabend und an den Weihnachtstagen verließ ihr Vater die Wohnung am Rande der Neusser Rennbahn und schaute am frühen Morgen und am späten Nachmittag bei seinen Pferden vorbei. Natürlich mit einer Extra-Portion Möhren. Jutta Schäfer ist die Tochter des früher in Neuss tätigen Trainers Georg Zuber, die Enkelin des Spitzenjockeys Jule Rastenberger und das Patenkind des 95-jährigen Hein Bollow, der lebenden Legende des deutschen Galopprennsports. Mehr Galopprennsport im "Pedigree" geht kaum.

Glückwünsche zum 1000. Sieg als Trainer: Oberbürgermeister Herbert Karrenberg, Rennvereinspräsident Ernst Heitzmann und Geschäftsführer Karl Emde (l.) gratulieren Georg Zuber und Ehefrau Margot. Zubers größter Erfolg war der Gewinn des Deutschen Derbys mit Tarim, hier als Deckhengst (r.). FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Jutta Schäfers im Jahre 1998 verstorbener Vater Georg Zuber hat auf der Neusser Galopprennbahn im Jahre 1972 den Derbysieger Tarim trainiert. Es war das herausragende Ereignis seiner Karriere mit 1150 Siegen in der damals blühenden Neusser Trainingszentrale. Große Siege mit Pferden wie Alaria, Oraza und Gimont kamen hinzu.

Seit 48 Jahren lebt Jutta Schäfer mit ihrem Ehemann Egbert im Stadtteil Reuschenberg. Rennpferde haben das Leben dieser Frau und auch ihres Ehemanns geprägt - und sie tun es immer noch. Als am 5. Dezember 2015 der ehemalige Spitzenjockey und Trainer Hein Bollow in Köln seinen 95.Geburtstag feierte, waren auch die Schäfers dabei. Für viele der ausschließlich szenekundigen Gäste wartete der gebürtige Hamburger bei seiner wie stets ohne Manuskript gehaltenen, emotionsgeladenen Rede mit der Überraschung auf, auch sein Patenkind Jutta Schäfer sei gekommen.

Liegt in Hoppegarten begraben: Großvater Julius Rastenberger. FOTO: M. Rühl

Die Patenschaft stammt aus der Hoppegartener Vergangenheit von Jutta Schäfer. Sie ist eine Enkelin von Julius "Jule" Rastenberger (1887-1943). Er war die Jockeylegende seiner Zeit. Im Sattel gewann er 1148 Rennen und das Deutsche Derby zwei Mal 1920 mit Herold und 1934 mit Athanasius. Jutta Schäfer hat ihren Großvater nie kennengelernt, denn er erlitt am 3. Juli 1943 in Hoppegarten im Sattel des Pferdes Landbote einen Herzinfarkt. Nach dem Ziel fiel er tot von seinem Pferd, das noch auf Platz zwei das Ziel gemeinsam mit einem anderen Vierbeiner erreichte. Makaber: Der Zielrichter erkannte deshalb regeltechnisch korrekt auf "totes Rennen". Jutta Schäfer: "In unserer Familie wurde natürlich viel über meinen Opa gesprochen. Er war das, was man einen bunten Vogel nennt. Neben der Jockeytätigkeit hat er auch als Dompteur von Raubtieren im Zirkus gearbeitet." Hoppegarten in der Mark Brandenburg im Dunstkreis Berlins war zu dieser Zeit der Mittelpunkt des deutschen Galopprennsports. Jutta Schäfers Vater war dort ebenso als Jockey tätig wie Hein Bollow und Herbert Cohn, später ein erfolgreicher Trainer in Krefeld und der Ausbilder des heutigen Spitzentrainers Peter Schiergen. Die Familien Zuber, Bollow und Cohn waren befreundet und deshalb wurde Hein Bollow auch der Patenonkel der in der nächstgelegenen Klinik Alt-Landsberg geborenen Zuber-Tochter Jutta. Viele der schwangeren Jockey-Frauen wurden damals mit einem Pferdeschlitten in die Klinik transportiert. Jutta Schäfer nicht, denn sie kam an einem schneefreien Donnerstag im März 1943 zur Welt.

Von Hoppegarten aus ist die Familie Zuber über Frankfurt am Main im Jahre 1951 nach Neuss übergesiedelt. Am 18.März (also an ihrem achten Geburtstag) zogen sie in eine Wohnung, die zuvor der Neusser Rennvereins-Geschäftsführer Harald von Gustedt bewohnt hatte. Jutta Schäfer: "Mein Bruder wollte draußen auf der Wiese spielen. Dort befand sich eine kleine Jauchegrube. Natürlich ist er reingefallen." Unvergessen sind für Jutta Schäfer Probleme, die heute kaum noch zu verstehen sind: "Unsere Familie ist evangelisch und das war im streng katholischen Neuss sehr gelinde gesagt nicht einfach." Nach ihrer Schulzeit (zunächst in einer Jungenklasse) entstand über das rennsportliche Netzwerk der Kontakt zum damaligen Neusser Rennvereins-Präsidenten Paul Kamper und dessen Sohn Pit. Jutta Schäfer (damals noch Zuber) arbeitete als kaufmännische Angestellte (unter Umgehung der Berufsschule wegen guter Noten) im Büro des Unternehmens.

FOTO: 050205NE06059

Die Trainerlaufbahn ihres Vaters nahm derweil mächtig Fahrt auf. Dem Derbysieg von Tarim mit dem englischen Jockey Geoff Lewis im Olympiajahr 1972 für den Besitzer Fredy Ostermann aus Witten (dem Vater des heutigen Verbands-Vizepräsidenten und Besitzerpräsidenten Manfred Ostermann) folgten die klassischen Siege mit der Stute Alaria für die immer noch in Gnadental ansässige Familie Hoyer, es ritt der später als Briefträger in Neuss tätige Michael Rath. Oft ging es für die Trainertochter mit den Pferden auf Reisen. Nicht allerdings zum Derby 1972 nach Hamburg: "Wir saßen auf der Neusser Rennbahn vor dem Fernsehapparat und konnten das Derby kaum erwarten. Vorher wurde das Reitturnier aus Aachen übertragen. Dort kam es zu einem Stechen, die Übertragung nahm kein Ende und es wurde nicht mehr nach Hamburg geschaltet. Wir sind total enttäuscht nach Hause gegangen und haben aus dem Radio erfahren, dass Tarim gewonnen hat."

Jutta Schäfers Weg wurde auch nach dem Tod des Vaters im Jahre 1998 weiter von Rennpferden begleitet. Sie arbeitete beim Düsseldorfer Rennverein, erlebte noch das Büro mit der Wettannahmestelle in der Wagnerstraße. Das Haus in bester Lage war Eigentum des Rennvereins, in den oberen Etagen residierte Präsident Herbert Liesenfeld mit seinem Konsulat von Uruguay und einem heute nicht mehr vorstellbaren Luxus. Jutta Schäfer: "Viele Menschen traten ihm mit großer Unterwürfigkeit entgegen. Das habe ich nie getan und bin damit immer gut klargekommen." Es waren turbulente Zeiten dieses Sports mit vielen Wett-Skandalen und nach dem nicht ganz freiwilligen Verkauf der Immobilie Wagnerstraße zog das Büro auf das Rennbahngelände am Grafenberg. Jutta Schäfer hat dort eine kaum noch aufzählbar Zahl von Geschäftsführern und Präsidenten erlebt und erlitten. Vor 13 Jahren leistete sie sich nach 18 Jahren beim Rennverein den Luxus des Abschieds. Es nahte wieder ein neuer Geschäftsführer und den mochte sie sich nicht mehr antun.

Rennpferde beherrschen trotzdem das Leben dieser Frau mit der großen rennsportlichen Vita. Fast täglich fährt Ehemann Egbert in den Rennstall von Sascha Smrczek auf den Grafenberg und schaut, wie es ihrem Rennpferd Northern Rock geht. Ihren Ehemann hat sie an einem lauschigen Kamin auf der Mülheimer Rennbahn kennengelernt: "Er hat mich einfach angesprochen." Eigentlich fand sie das lästig und ihn nicht sonderlich toll. Das Resultat: Der Sohn des Düsseldorfer Trainers Gustav Schäfer und die Frau mit der idealen Vita für jeden "Pferdemann" sind seit 48 Jahren verheiratet.

Jutta Schäfers Rennbahnbesuche sind mittlerweile auf Düsseldorf und Köln reduziert. Neuss besucht sie trotz der Nähe nur noch selten. Mit ihrer vor drei Jahren im Alter von 91 Jahren verstorbenen Mutter hat sie einige Jahre lang beim Georg Zuber-Memorial die Ehrenpreise gestiftet, doch leider hat der Rennverein solche lokalen Erinnerungen einschlafen lassen.

Quelle: NGZ
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Lokalsport: Bei Jutta Schäfer dreht sich alles um Pferde


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.