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Lokalsport
Der "Integrationsmotor Sport säuft ab"

Lokalsport: Der "Integrationsmotor Sport säuft ab"
Ein historisches Dokument: Mit einem von allen neun Vorsitzenden unterzeichneten Brief wehren sich Kreissportbund sowie Stadt- und Gemeindesportverbände gegen die weitere Nutzung von Sporthallen als Flüchtlingsunterkunft wie hier in Allerheiligen (links). FOTO: -woi
Rhein-Kreis. Kreissportbund, Stadt- und Gemeindesportverbände fordern gemeinsam ein Umsteuern bei der Flüchtlingspolitik. Von Volker Koch

Der Aufruf, gestern an 200 Adressaten in Kreis, Land und Bund versandt, findet deutliche Worte. Und er ist, findet Thomas Lang, "ein historischer Akt: So einig waren wir uns noch nie", sagt der Vorsitzende des Sportbundes Rhein-Kreis Neuss (KSB) mit Blick auf den Brief, den er gemeinsam mit seinen Kollegen aus den acht Stadt- und Gemeindesportverbänden des Rhein-Kreises unterzeichnet hat.

Was die Interessenvertreter von mehr als 100.000 in 350 Sportvereinen organisierten Menschen zwischen Meerbusch und Rommerskirchen zusammenschweißt, ist die zunehmende Umwandlung von Sporthallen in Notunterkünfte für Flüchtlinge und Asylbewerber. "27 Hallen im Rhein-Kreis sind derzeit aus diesem Grund für den Sportbetrieb nicht nutzbar", sagt Thomas Lang. Er und seine Kollegen Heinz-Peter Korte (Grevenbroich), Paul Drexler (Meerbusch), Heinz Kiefer (Jüchen), Claus Radtke (Dormagen), Wilhelm Fuchs (Neuss), Dirk Katarius (Korschenbroich), Günter Debets (Rommerskirchen) und Axel Volker (Kaarst) sehen darin einen unhaltbaren Zustand: "Sport ist ein wichtiger Faktor für eine positive gesellschaftliche Entwicklung. Dies bleibt einem Teil der Bevölkerung durch die Schließung der Sporthallen verwehrt", heißt es in dem Schreiben. Und weiter: "Die bestehende Sportlandschaft im Breitensport sowie im Wettkampfsport vieler Fachverbände wird auf Jahre geschädigt. Die über Jahre geleistete Aufbauarbeit wird zerstört, wenn Mannschaften in ihrer erreichten Spielklasse wegen fehlender Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten vom Spielbetrieb abgemeldet werden müssen."

Der KSB-Vorsitzende nennt dazu exemplarisch drei Beispiele aus dem Rhein-Kreis. Die im Spätsommer angedachte Nutzung des Sportforums an der Büttgener Olympiastraße hat dazu geführt, dass eine Reihe von Veranstaltungen, unter anderem das alle zwei Jahre stattfindende Radsport-Festival der Radsportjugend NRW, abgesagt wurden. Bis heute ist das Sportforum nicht mit Flüchtlingen belegt, weil die Stadt Kaarst inzwischen auf andere Sporthallen ausgewichen ist. Die von insgesamt 1800 Sportlern vornehmlich aus Reihen des SV Rosellen genutzte Sporthalle in Allerheiligen ist bereits in der zweiten Woche für den Sportbetrieb geschlossen, Flüchtlinge werden dort aller Voraussicht nach aber erst im neuen Jahr untergebracht. Und die Anerkennung von Dormagen als Landesleistungsstützpunkt im Taekwondo droht zur Hängepartie zu werden, weil die Taekwondo-Kämpfer des AC Ückerath aus ihrem angestammten Trainingsquartier an der Beethovenstraße ausziehen mussten, die zugewiesene Ersatzhalle aber nicht den erforderlichen Maßen entspricht.

FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

"Drei Beispiele von vielen", sagt Thomas Lang. Die Zahl der als Flüchtlingsunterkünfte genutzten Sporthallen in NRW habe sich "innerhalb eines Monats mehr als verdoppelt." Im Brief heißt es dazu: "Die aktuelle Belegungssituation nimmt vereinsschädigende Konturen an. Sie trifft die Vereine mittlerweile derart stark, dass Vereine in ihrer Existenz gefährdet sind." Besonders bedauerlich, so der Kreissportbund-Chef, sei dies vor dem Hintergrund, "dass es unter uns Sportlern eine große Solidarität mit den Menschen gibt, die zu uns gekommen sind. Es sind vor allem wir Sportvereine, die vor Ort schon jetzt einen entscheidenden Beitrag für gelungene Integration leisten."

Er und seine Kollegen sehen den Brief nicht als Rundumschlag gegen die Kommunen im Rhein-Kreis: "Die können nichts dafür, sind sie doch selbst Opfer einer verfehlten Politik auf Bundes- und Landesebene", sagt Lang. Deshalb fordern die Sportverbände "von Land und Bund Unterstützungsmaßnahmen mit dem Ziel, dass die Kommunen keine weiteren Sporthallen in Anspruch nehmen." Dies führe nämlich zum "Zusammenbruch der sportlichen Infrastruktur" und stelle "die Integrationshilfe der Sportvereine ins Abseits", heißt es in dem Brief.

Eins stellt der Kreissportbund-Vorsitzende auch klar: "Natürlich muss den Menschen, die zu uns kommen, geholfen werden. Aber es gibt noch Potenzial in unseren Kommunen und zahlreiche geeignete Objekte, die herangezogen werden können." Deshalb fordern die Sportverbände ein "Umsteuern bei der Flüchtlingspolitik: Alternative Unterbringungsmöglichkeiten sind mit Nachdruck, Ernsthaftigkeit und entschlossenem Willen zu prüfen und umzusetzen". Ihr Fazit: Wenn sich nichts ändert, "säuft der Integrationsmotor Sport ab."

Quelle: NGZ
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