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Jessica Lichtenberg
Der perfekte Zeitpunkt, um umzusatteln

Neuss. Erst Babypause, danach Perspektivwechsel: Die aktuell erfolgreichste Voltigiertrainerin der Welt orientiert sich in ihrer Sportart neu. Von Daniel Kaiser

Neuss. Sie hat im vergangenen Jahrzehnt mit ihrer Mannschaft alles erreicht, was es im Voltigiersport zu erreichen gibt: Zehnmal Deutscher Meister, Europameister 2011, 2013 und 2015, Vize-Weltmeister 2012, der Titel bei den Weltreiterspielen 2006 und 2014. Nun wird Jessica Lichtenberg (34) Mutter und reicht das Zepter bei der ersten Neusser Mannschaft weiter. Ihrem Sport bleibt die Ausnahme-Könnerin aber treu - sie trainiert künftig die Einzelvoltigierer des RSV Grimlinghausen.

Die Voltigierwelt trauert schon jetzt. Allerdings hört man aus den Reihen ihrer Fans auch Verständnis für ihren Schritt, als Trainerin des erfolgreichsten Teams der Welt aufzuhören. Wie fühlen Sie sich selbst mit dieser Entscheidung?

Jessica Lichtenberg Ich denke, einen besseren Zeitpunkt gibt es für mich nicht. Wenn man in irgendeiner Sache meint, alles erreicht zu haben, dann sollte man sich neue Ziele setzen. Dann muss es anders weitergehen. Weiter trainieren könnte ich immer, denn das tägliche Training hat mir immer Spaß gemacht. Es gab in meiner Laufbahn nicht einmal die Situation, dass ich gesagt habe: "Ach nee, heute lieber kein Training." Aber das ganze Drumherum, das zu einer Mannschaft dazugehört und das es extrem umfangreich macht, das ist schon gewaltig. Ich hätte ganz ehrlich auch im letzten Jahr nach den Weltreiterspielen schon die Entscheidung treffen können und es wäre auch ein tolles Ende gewesen. Aber es war absolut fantastisch, noch einmal Aachen zu erreichen. Damit schloss sich ein schöner Kreis. Ich halte mich für so kreativ, dass ich weitere neue Sachen in diesem Sport schaffen kann, aber wir haben jetzt mit unserem Team eine ganze Dekade mitgestaltet und ich glaube, es ist absolut okay zu sagen, jetzt versuche ich etwas Neues.

Gibt es schon einen Nachfolger?

Lichtenberg Wir werden ganz sicher intern eine gute Lösung finden. Aber dabei muss eventuell auch ein bisschen der Reset-Knopf gedrückt werden. Die Gespräche im Verein stehen aus, wir werden uns demnächst mit dem Trainerstab zusammensetzen und umstrukturieren. Erst wenn feststeht, wer personell dabei ist und wer nicht, können wir Trainer und Betreuer festlegen. Es wird vermutlich auf eine Doppellösung hinauslaufen und wir werden versuchen, mit Senior- und Juniorteam eine Lösung zu finden. Es ist aber davon auszugehen, dass sich beide Mannschaften komplett neu finden müssen. Das ist in meinen Augen auch ganz gut. Die Messlatte sollte nun auch mal niedrig angesetzt werden, ohne den Druck, jedes Jahr auf das Championat fahren und am besten noch gewinnen zu müssen. Wir wurden oft als Bayern München des Voltigiersports bezeichnet. Das habe ich als großes Kompliment empfunden, denn es zeigt, wie professionell wir gearbeitet haben und das ist auch immer mein Anspruch gewesen. Aber es zeigt auch ein bisschen die Last und den Druck, den man in unserer Position hat. Jetzt passiert etwas Neues und ich hinterlasse mit Delia FRH eines der besten Pferde in diesem Sport. Ich denke, da kann Erfolg weiterhin entstehen. Es kann aber auch sein, dass der Sport in Neuss ein anderes Gesicht bekommt - und das wäre auch gut so. Ich werde die Mannschaft auf jeden Fall weiterhin unterstützen, werde helfen und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aber ich möchte nicht diejenige sein, um die sich - sprichwörtlich - das Pferd dreht.

Ihre künftigen Ambitionen als Trainerin liegen im Einzelvoltigieren. Kann diese Aufgabe die Mannschaft ersetzen?

lichtenberg Ich habe große Lust, es im Einzel anzugehen. Auch an der Longe kann ich mir das gut vorstellen. Es macht es ja Spaß und man hat im Einzel auch nicht so den ganz großen Druck als Longenführer. Wer mal ein Team longiert hat, weiß, dass das noch deutlich heikler ist. Im Einzel wird eine Minute durchgepowert, mit dem Team sind es vier, das ist ein ganz anderer Schlag. Allerdings denke ich, dass man im Einzel fast noch perfektionistischer arbeiten kann. Das liegt mir. Mit Pauline Riedl und Janika Derks bauen wir auf eine super Pflicht auf und können nun gezielt an vermeintlichen Schwächen arbeiten. In Alsfeld bei der DM sind sie aus dem Stegreif ohne Training vorn dabei gewesen. Es juckt mich in den Fingern, zu gucken, wie weit das gehen kann - auch für zukünftige Hoffnungen wie Mona Pavetic. Ich denke, es ist immer schwierig, parallel mit Mannschaft und Einzel Erfolg zu haben, wenn man ganz nach oben will. Man muss sich auf eine Sache fokussieren. Ich freue mich, dass ich mich dann auf einem anderen Feld bewege. Erst war ich selbst Voltigiererin, dann Gruppentrainerin, jetzt werde ich Einzeltrainerin. Für mich ist das eine spannende Sache.

Kind und Trainertätigkeit - wie werden Sie das vereinbaren?

lichtenberg Ich glaube sehr gut, wenn ich ehrlich bin. Es gibt genug Beispiele, dass das hervorragend klappt. Zudem habe ich einen wahnsinnig patenten Mann an meiner Seite und glaube, dass die Kombination sehr gut funktioniert, wenn man sich gut organisiert. Wer mich kennt, weiß, dass ich versuche, Dinge richtig zu machen oder gar nicht. Die Mannschaft abzugeben hätte ich auch ohne das Kind getroffen. Aber nun ist das Timing genau so, wie ich es mir vorstelle.

Über welche Gratulation zum Sieg in Aachen haben Sie sich am meisten gefreut?

lichtenberg Über eine E-Mail von Karl-Theodor zu Guttenberg, der live im Publikum saß und schrieb, er habe sich sehr gefreut, ein kleiner Teil dieser großartigen Atmosphäre gewesen zu sein.

Wenn Sie einen Augenblick aus den vergangenen zehn Jahren auf einem Bild an Ihrer Wohnzimmerwand einfangen könnten, welcher wäre das?

lichtenberg Ich hänge mir keine Voltigier- oder Pferdebilder an die Wand. Unsere Wohnung in Köln ist meine Rückzugsoase, da liegen auch keine Pferdezeitschriften. Es ist eine absolut pferdefreie Zone. Ich habe meinen Sport nie in Bildern gebraucht. Ich habe einen ganz großen Speicher an Emotionen. Und von denen gibt es so viele großartige.

Was werden Sie am meisten vermissen?

lichtenberg Die Momente, wenn Energie freigesetzt wird und man merkt, dass man gemeinsam etwas Großes geschafft hat. Das sind nicht nur die Siege, sondern zum Beispiel auch Schaunummern, wenn das Publikum im letzten Kürblock mit Standing Ovations applaudiert. Das sind für mich auch krassere Augenblicke als die Momente der Siegerehrung, der Hymne oder der Medaillenübergabe. In diesen Momenten geht es emotional ja schon wieder herunter.

Haben Sie bestimmte Rituale vor einem Turnier??

lichtenberg Ich gucke Pauline Riedl gern beim Bandagieren des Pferdes zu und Janika Derks macht dann immer das Tape herum, damit die Bandagen halten. Das brauche ich und da muss ich dabei sein. Dann bekommt meine Schwester Kiki immer meine Akkreditierung. Die würde ich niemandem anders geben.

Sind Sie vor wichtigen Turnieren wie Aachen nervös oder aufgeregt?

lichtenberg Ich bin immer nervös und es wird ehrlich gesagt eher schlimmer. Aber die Nervosität ändert sich, am schlimmsten war es für mich bei der EM 2011 in Le Mans. Da sind wir in der ersten Kür 'runtergefallen und dann hat die ganze Nacht mein Magen rebelliert. Da habe ich die ganze Verantwortung gespürt. Umso größer ist dann aber immer die Erleichterung, sobald der Wettkampf losgeht. Dann bin ich null nervös, nur konzentriert. Bis zum Ablongieren kann man mich sprichwörtlich in die Tonne kloppen, aber das lasse ich mir vor der Mannschaft natürlich nicht anmerken. Lustigerweise war es dieses Jahr viel besser, aber ich weiß nicht warum.

Hätte es für Sie im Sport eine Alternative zum Voltigier-Trainer gegeben?

lichtenberg Ich hätte eventuell mal Tennis spielen oder Klavier studieren können. Aber dann hab ich mich quasi schon mit neun Jahren entschieden, dass ich Voltigieren "hauptberuflich" weitermachen will. Agnes Werhahn wollte, dass ich mich im Einzelvoltigieren versuche, aber dann hab ich mich für die Trainerposition des Teams entschieden. Coach in irgendeiner anderen Sportart wäre sicherlich auch eine Alternative gewesen. Die Position liegt mir einfach.

Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

lichtenberg Da fällt mir spontan nichts ein. Aber ich habe mich in den letzten Jahren immer an mein eigenes Motto gehalten: Das Wichtigste ist, dass man immer versucht, das Beste daraus zu machen, egal wie schwierig die Situation ist.

Was ist für Sie das Schönste am Leben als Voltigier-Trainerin, was ist das Schlechteste?

lichtenberg Das Schönste ist es, gemeinsam Erfolg zu erleben, der Teamspirit. Das Schlechteste ist die Unprofessionalität dieser Sportart, die es zum Teil noch gibt.

Wenn es mal ein Buch über das zurückliegende Voltigier-Jahrzehnt geben sollte, was würden Sie darin gerne über den RSV Neuss-Grimlinghausen und Jessica Lichtenberg lesen?

lichtenberg Das ganze Projekt in Neuss baut sich ja noch immer auf der Arbeit von Agnes Werhahn auf. Ich würde gern lesen, dass der Verein unter Leitung von Aggi und mir der erfolgreichste Voltigierverein der Geschichte geworden ist, in Bezug auf Vergangenheit und Gegenwart.

Quelle: NGZ
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