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Der Philosoph unter den Tennisspielern

Lokalsport: Der Philosoph unter den Tennisspielern
So nachdenklich schaut Frederik Nielsen nicht nur während eines Spiels. Der 33 Jahre alte Däne, der 2012 das Doppelfinale in Wimbledon gewann, Der Philosoph unter den Tennisspielern sagt viele kluge Sätze. Zum Beispiel: "Wenn du als Tennisprofi nicht Roger Federer oder Novak Djokovic heißt, verlierst du jede Woche ein Spiel. Das musst du erst mal verarbeiten." FOTO: -wo
Neuss. Vor fünf Jahren wurde Frederik Nielsen Wimbledonsieger im Doppel, morgen spielt der Däne für BW Neuss in der Zweiten Liga. Von Volker Koch

Es sollte ein Gespräch über Tennis werden, es wurde eins über das Leben. Über das, was darin von Bedeutung ist, darüber, wie wichtig es ist, Ziele zu haben. Und darüber, dass Erfolg zu haben oft ein zweischneidiges Schwert ist.

Wer sich mit Frederik Nielsen trifft, muss spätestens nach fünf Minuten alle Vorurteile über Bord werfen, die man gemeinhin über Tennisspieler der Weltspitze pflegt. Der 33 Jahre alte Däne, der im Übrigen ausgezeichnet Deutsch spricht (was er selbst verneint), ist sympathisch, aber kein Strahlemann. Er bezieht klar Stellung, ist aber alles andere als ein Lautsprecher. Nielsen überdenkt, Nielsen wägt ab, was er sagt.

Und was er sagt, sind kluge Sätze. Zum Beispiel darüber, was sich seit dem 7. Juli 2012 in seinem Leben verändert habe. Da gewann er an der Seite des Briten Jonathan Marray das Doppelfinale bei den All England Lawn Tennis Championships durch einen 4:6, 6:4, 7:6, 6:7, 6:3-Sieg über Robert Lindstedt und Horia Tecau (Schweden/Rumänien).

Seither darf sich Frederik Nielsen Wimbledonsieger nennen. Hausieren geht der 33-Jährige damit nicht. "Mein Leben ist das gleiche geblieben", sagt der Däne, "ich habe immer noch die gleiche Wohnung, die gleiche Familie, die gleichen Freunde. Nur mein Tennis hat sich verändert." Und das, gibt Nielsen zu, nicht immer zum Besseren. Denn der Druck ist höher geworden für einen, der als erster Spieler überhaupt in der Geschichte des seit 1877 ausgetragenen Turniers mit einer Wildcard bis ins Finale marschierte - und das auch noch gewann.

"Unfassbar", nennt Frederik Nielsen diesen Sieg auch heute noch. Denn der Däne war beileibe kein Doppelspezialist, einen festen Doppelpartner wie so viele andere auf der ATP-Tour hatte er ebenfalls nicht. "Eigentlich konnte ich gar nicht richtig Doppel spielen", sagt Frederik Nielsen und lacht ein dünnes Lächeln.

Bis dahin war er einigermaßen erfolgreich auf der Tour der Challenger- und Future-Turniere unterwegs, der Ochsentour jener Profis, die nicht unter den besten Einhundert der Weltrangliste geführt werden. "Plötzlich öffneten sich mir ganz neue Türen", sagt Nielsen und klingt immer noch ein wenig verblüfft darüber, dass er sich nun im großen ATP-Zirkus bewegen und bewähren durfte. Bis hin zum Weltfinale 2012 in London, wo er, wiederum mit Jonathan Marray, im Halbfinale mit 4:6, 3:6 gegen die Spanier Marcel Granollers und Marc Lopez ausschied.

Frederik Nielsen war der erste Däne, der das ATP-Worldfinal erreichte. Der erste Däne im Finale von Wimbledon war er nicht. Das schaffte sein Großvater Kurt Nielsen gleich zwei Mal. 1953 verlor er gegen Victor Seixas (USA), nachdem er zuvor den top-gesetzten Australier Ken Rosewall ausgeschaltet hatte, vier Jahre später unterlag er gegen Tony Trabert (USA). Nein, sagt Frederik Nielsen, sein Vorbild sei der 2011 verstorbene Großvater im Tennis nie gewesen: "Ich habe ihn nie als Wimbledonsieger gesehen, sondern immer als meinen Opa." Trotzdem sei er ihm dankbar, dass er ihn in die Welt des großen Tennissports eingeführt habe: "Mit ihm zusammen habe ich Daviscupspiele gesehen, bin nach Wimbledon geflogen." Und manchmal habe er auch mit seinem Großvater trainiert.

Offenbar so gut, dass er es später selbst ins dänische Daviscup-Aufgebot - und ins Finale von Wimbledon schaffte. Was treibt so einen an, morgen auf der staubigen Asche an der Neusser Jahnstraße für den TC Blau-Weiss Neuss in der zweiten Bundesliga gegen den Oldenburger TeV aufzuschlagen? Für Frederik Nielsen sind da gleich drei Beweggründe ausschlaggebend: Erstens seine Freundschaft zum Neusser Teamchef Marius Zay, mit dem er vier Jahre für BW Krefeld in der Bundesliga spielte. Zweitens liebe er Mannschaftstennis, "das ist etwas ganz anderes, als wenn du irgendwo alleine auf dem Platz stehst." Im vergangenen Jahr sei er italienischer Mannschaftsmeister geworden, das sei ein "geiles Gefühl" gewesen.

Und drittens imponiere ihm, dass die Truppe um Marius Zay "klare Ziele" habe: "Ich liebe es, Ziele zu haben", sagt Frederik Nielsen, "etwas erreichen zu wollen" sei ungeheuer wichtig im Leben. Und wenn es "nur" ein Aufstieg mit dem TC Blau-Weiss in die Bundesliga ist. "Da gehört Neuss hin", sagt Nielsen. Wenn er all die Porträts ehemaliger Spieler im Treppenaufgang zur Umkleide sehe, werde er ganz ehrfürchtig. Das des Wimbledon-Siegers von 2012 können die Neusser getrost dazuhängen, vielleicht mit einem Zusatz versehen: der Philosoph unter unseren Spielern.

Quelle: NGZ
 
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