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Lokalsport
Der Weg zur Medaille führt über Hennef

Lokalsport: Der Weg zur Medaille führt über Hennef
Rio fest im Blick: Auf dem Balkon der Sportschule Hennef trafen sich Boxer Hamza Touba und die Säbelfechter Max Hartung und Matyas Szabo zum gemeinsamen Fototermin. Ansonsten steht für die Fechter in der zweiten Woche viel schweißtreibendes Training auf dem Programm, bei dem auch schon mal gejubelt wird. FOTO: Woitschützke Andreas
Hennef/Sieg. Zu Besuch im Trainingslager: Wie sich Max Hartung, Matyas Szabo und Hamza Touba auf die Olympischen Spiele in Rio vorbereiten. Von Volker Koch (Text) und Andreas Woitschützke (Fotos)

Sepp Herberger schaut gewohnt grimmig drein im Gang zum Speisesaal, sein Nachfolger Helmut Schön lächelt ein wenig verbindlicher. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Bilder an der Wand dokumentieren: Es gab tatsächlich Zeiten, in denen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nicht im Fünf-Sterne-Hotel logierte, sondern in der Sportschule Hennef Station machte.

In diesen Tagen und Wochen bestimmen andere Sportler das Bild in der idyllisch im Tal der Sieg gelegenen, trotzdem modern ausgestatteten Sportschule, in der man getrost Urlaub machen könnte. Doch zweieinhalb Wochen vor Beginn der XXXI. Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro haben die deutschen Säbelfechter anderes im Kopf als ländliche Idylle mit schwarz-weißen Kühen unter einem strahlend blauen Sommerhimmel. Für Max Hartung und Matyas Szabo stehen zwei Wochen lang täglich zwei schweißtreibende Trainingseinheiten auf den Fechtmatten in Halle 4 des großräumigen Sportkomplexes auf dem Plan.

FOTO: Woitschützke Andreas

Die Matten, zwei davon aus Aluminium wie in der Carioca Arena 3 in Rio, in der seine Schützlinge am 10. August um Edelmetall kämpfen, und das andere notwendige Equipment hat Vilmos Szabo per Kleinbus aus Dormagen herbeitransportiert und in stundenlanger Arbeit aufgebaut. Das, sagt der Bundestrainer der deutschen Säbelfechter, sei der einzige Nachteil am Trainingsquartier vor den Toren von Hennef.

Ansonsten biete die Sportschule alles, was Trainer und Athleten so kurz vor den Spielen benötigen: "Ruhe, viel Platz, vernünftiges Essen. Hier können sich die Jungs vollkommen aufs Fechten konzentrieren." Und Hennef liegt nicht so weit weg vom heimischen Höhenberg, als dass nicht die zum Fechttraining unbedingt nötigen "Sparringspartner" anreisen könnten. Europameister Benedikt Wagner ist eine Woche lang zwischen seinem Studienort Köln und der Sportschule gependelt. Jetzt, nach Semesterende, hat er ebenso wie die Nachwuchsfechter um Maximilian Kindler, Eduard Gert und Raoul Bonah ein Zimmer in der Sportschule bezogen, um bei allen Trainingseinheiten dabei zu sein.

FOTO: Woitschützke Andreas

Das hat auch Daniel Hummel. Der Physiotherapeut der medicoreha Neuss steht den Fechtern rund um die Uhr zu Verfügung. "Zum Glück musste ich noch keine ernsthafte Verletzung behandeln", sagt Hummel. Damit das so bleibt, wird nicht nur massiert und gedehnt vor und nach den Einheiten auf der Planche. "Wir arbeiten natürlich auch präventiv", verrät Hummel, der auch schon die Hockeyspieler des HTC Schwarz-Weiß Neuss, die Tennis-Bundesligaspieler von Blau-Weiss Neuss und die am Bundesleistungsstützpunkt Dormagen trainierenden Ringerinnen, darunter die gleichfalls für Rio qualifizierten Nina Hemmer (Ückerath) und Aline Focken (Krefeld) unter seinen Fittichen hatte. Kraft- und Ausdauertraining gehören deshalb ebenso zum wöchentlichen Plan wie Yoga, wozu die in Diensten des Olympiastützpunktes Rheinland stehende Yogalehrerin Barbara Plaza eigens anreist.

"In Rio machen wir das am Strand", blickt Max Hartung in freudiger Erwartung voraus. Am 2. August reisen die Fechter an. "Per Direktflug von Frankfurt nach Rio, das ist relativ komfortabel", sagt der 26-Jährige, der als Achter der aktuellen Weltrangliste zum Kreis der Medaillenanwärter zählt. Im April zu den Mannschafts-Weltmeisterschaften haben sie den Trip schon einmal gemacht. "Drei Filme gucken und du bist da", sagt Vilmos Szabo mit dem ihm eigenen Humor.

FOTO: Woitschützke Andreas

Der Bundestrainer ist der ruhende Pol, er weiß, was auf ihn und seine Schützlinge zukommt - schließlich erlebt er in Rio bereits seine achten Olympischen Spiele als Athlet, Obmann oder Trainer. "In der ersten Woche sind im olympischen Dorf alle ein bisschen panisch, da musst du Ruhe bewahren", sagt er und schiebt augenzwinkern hinterher: "Am besten machst du immer das Gegenteil von dem, was der Chef de mission sagt."

Jetlag oder klimatische Anpassungsschwierigkeiten befürchten die Weltreise-erfahrenen Fechter nicht: "Fünf Stunden Zeitverschiebung, die kann man so abschütteln", sagt Max Hartung. Beim Deutschen Box-Sport-Verband sieht man das offensichtlich anders. Die sechs qualifizierten Boxer, darunter Fliegengewichtler Hamza Touba von der SG Kaarst, fliegen bereits eine Woche vor der Eröffnungsfeier los: Am 27. Juli geht es zunächst in die brasilianische Hauptstadt Brasilia. "Da wollen wir uns akklimatisieren, bevor wir am 3. August weiter nach Rio reisen", verrät Trainer Zoltan Lunka. Der ehemalige Amateur-Weltmeister (1995) und Olympia-Dritte von Atlanta 1996, wie Vilmos Szabo gebürtiger Rumäne, hat am Montag, eine Woche nach den Fechtern, mit seinen Boxern seine Zelte in Hennef aufgeschlagen - von dort aus fliegen sie via Frankfurt direkt nach Brasilien.

Dort ist es momentan mit 22 Grad deutlich kühler als in Hennef, wo die aktuellen Temperaturen vor allem die Fechter in ihren Schutzanzügen und unter ihren Masken mächtig ins Schwitzen bringen. Die Kästen mit Mineralwasser stapeln sich deshalb in Halle 4. Zum Lektionieren - der Trainer steht dabei seinem Schützling direkt gegenüber, kann so einzelne Gefechtssituationen simulieren und dabei das Verhalten des Athleten genau studieren und korrigieren - zwängt sich Vilmos Szabo zusätzlich in eine lederne Schutzweste. "Da nimmst du wenigstens ein bisschen ab", scherzt der 51-Jährige, der 1984 in Los Angeles mit Rumänien Team-Bronze gewann.

Mit einer Medaille würde er auch gerne aus Rio de Janeiro zurückkehren: "Als Trainer wäre es meine erste", nachdem in London die Mannschaft und Nicolas Limbach, die jeweils Rang fünf belegten, knapp daran scheiterten. Auch vor vier Jahren bereiteten sich die Säbelfechter in Hennef auf die Olympischen Spiele vor. Limbach gehörte damals als Weltranglistenerster zu den Top-Favoriten, entsprechend groß war das Medieninteresse. "Diesmal haben wir alle Interviewtermine" - immerhin fünf an der Zahl - "an einem Trainingstag abgearbeitet", sagt Szabo.

Deshalb haben sie in Hennef ihre Ruhe. Bis Ende der Woche bleiben sie da, gemeinsam mit der ungarischen Equipe, nachdem in der ersten Woche auch die Franzosen hier ihre Olympiavorbereitung absolvierten. Bis zum Abflug wird dann wieder am Höhenberg trainiert, "nicht mehr ganz so viel", sagt Max Hartung, "aber noch genug. Der Plan steht schon", sagt der Bundestrainer. Vielleicht wird sein Bild ja auch irgendwann mal in einem der vielen Gänge der Sportschule hängen - mit Medaille.

Quelle: NGZ
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