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Fußball zwischen geerdet und abgehoben

Lokalsport: Fußball zwischen geerdet und abgehoben
FOTO: Woitschützke Andreas
Neuss. DFB-Präsident Reinhard Grindel und Torhüter-Legende Toni Schumacher bilden Gegenpole beim Neusser Stadtgespräch über Fußball. Von Volker Koch

Toni Schumacher war der Star am Samstagmorgen in der zum Auditorium für 250 Zuhörer umfunktionierten Trainingshalle der medicoreha. Und das lag nicht allein daran, dass die Torhüter-Legende seine Treue zum 1. FC Köln, dessen Vize-Präsident der 62-Jährige seit vier Jahren ist, in knallroten Socken und ebensolchem Einstecktuch unverblümt zur Schau stellte.

Auch nicht allein an den flotten Sprüchen, mit denen der in Düren geborene "kölsche Jung" wahrlich nicht geizt: "Wir sind tatsächlich nach langer Zeit mal wieder Tabellenführer", stellte er mit Blick auf das ungewohnte Bild fest, das die Bundesliga-Tabelle nach dem Kölner 3:0-Sieg über den SC Freiburg von Freitagabend bis Samstagnachmittag bot. Nur um nachzuschieben: "Zu meiner Zeit war das ein gewohntes Gefühl."

Nein, es lag vor allem daran, dass Harald "Toni" Schumacher jene Eigenschaft besitzt, die man im heutigen Fußballgeschäft vermisst: Er ist authentisch. Der Gegenentwurf saß direkt neben ihm. Harald Grindel hätte an diesem Morgen auch über die neueste Schweinefleischverordnung der EU sprechen können - der 55-Jährige, der seit April an der Spitze des mitgliederstärksten Sportfachverbandes der Welt steht, hätte es genauso geschäftsmäßig und leidenschaftslos getan wie er 90 Minuten über Fußball sprach.

Vielleicht ist der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete genau der Mann, den der Deutsche Fußball-Bund (DFB) braucht, um politisch und medial wieder in ruhiges Fahrwasser zu kommen. Ein Mann, die Faszination des (Fußball-)Sports zu vermitteln, ist er nicht. Kritische Ansätze, um die sich Sportbild-Chefredakteur Alfred Draxler als dritter Podiumsgast dieses von der Konrad-Adenauer-Stiftung initiierten "Neusser Stadtgesprächs" durchaus bemühte, prallten von ihm ab wie ein schlecht angeschnittener Freistoß von der gegnerischen Abwehrmauer. Absurd hohe Gehälter und Ablösesummen im Profi-Fußball? Für Grindel kein Anlass zu kritischen Reflexionen: "Trotz dieser Summen sind das alles geerdete, bodenständige Jungs, die den Fans für jedes Selfie und jeden Autogrammwunsch zur Verfügung stehen," sagt er über die deutschen Nationalspieler, von denen einer, am Samstag nicht namentlich genannt, demnächst 250.000 Euro von seinem Arbeitgeber überwiesen bekommt - wöchentlich.

Toni Schumacher wird von solchen Summen schwindelig. "Das System ist krank, das ist nicht mehr zu übersehen", sagt der 62-Jährige -und bekommt für diese Aussage den lautesten Beifall an diesem Samstagmorgen. Auch er habe früher gut verdient, räumt Schumacher ein: "120.000 Mark pro Jahr - verglichen mit dem, was mein Vater in seiner Lohntüte nach Hause brachte, war das eine ganze Menge." Doch er sagt auch: "Damals waren die Relationen noch gewahrt."

Heute sind sie das nicht mehr. Als Alfred Draxler davon spricht, dass Robert Lewandowski sich seine bevorstehende Vertragsverlängerungvom FC Bayern München mit 20 Millionen jährlich vergüten lässt, geht ein Raunen durchs Auditorium. Reinhard Grindel sagt dazu nichts - zumindest nichts Substantielles. Auch als sein Duz-Freund (das sind irgendwie alle an diesem Morgen) insistiert, dass in nicht allzu ferner Zeit Bundesliga-Spiele der besseren Vermarktung wegen in Schanghai oder Peking ausgetragen werden könnten, sagt er nichts außer: "Das kann ich mir nicht vorstellen." Nun ist der DFB-Boss ja nicht der Liga-Präsident. Doch zum Verhältnis zwischen Profis und Basis fallen Reinhard Grindel nur Allgemeinplätze ein. Dass ein Trainer heute höheren Anforderungen genügen müsse als vor 20 Jahren. Dass es ohne gute Arbeit an der Basis keine guten Leistungen der Nationalmannschaft gäbe. Und dass sich die Vereine vor allem um die Gewinnung von Ehrenamtlern bemühen müssten, denn die, die jetzt schon tätig seien, dürften und könnten nicht noch höher belastet werden.

Sicher richtig. Dass vielleicht ein Zusammenhang besteht zwischen all den Skandalen und monetären Auswüchsen im Profi-Sport (nicht nur im Fußball) und der abnehmenden Bereitschaft, sich in eben diesem Sport ehrenamtlich zu betätigen, sagt keiner an diesem Morgen in der zum Auditorium umfunktionierten Trainingshalle der medicoreha. Hausherr Dieter Welsink lenkt wenigstens ganz am Ende die Aufmerksamkeit darauf, dass es "auch noch anderen Sport als Fußball gibt." Und dass das Wichtigste für diesen Sport "funktionierende Vereine vor Ort" sind. Toni Schumacher weiß das: "Wenn sie mich brauchen, für eine Sportlerehrung oder ähnliches, können sie mich gerne anrufen." So ist er, der "Tünn" - authentisch. Vielleicht ist er auch deshalb nicht (mehr) beim DFB.

Quelle: NGZ
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